Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Die sprachliche Vielfalt eines alltäglichen Gegenstands - Der Korb mit zwei Henkeln

Mr wott jo grad meine, e Chratte wär e Zeine ist ein Kommentar, der darauf abzielt, die Dinge zurechtzurücken und zwar im Sinn von "Übertreib mal nicht!" oder "Du hast wirklich eine große Einbildung!" Das Interessante an diesem Ausspruch ist nicht nur sein origineller Vergleich, sondern auch die Tatsache, dass an der Wortwahl erkennbar ist, in welchem Gebiet Badens der Spruch entstanden sein muss, von dem hier zitierten ch-Anlaut bei Kratte einmal abgesehen. Denn das Geltungsgebiet lässt sich deshalb recht gut eingrenzen, weil hier gleich zwei Worte verwendet werden, die nicht im ganzen Sprachgebiet gelten, sich in ihrer Verbreitung aber auch nicht genau decken.

Korb in Südbaden

Betrachten wir erst einmal den Korb aus Weidengeflecht mit zwei Henkeln, wie man ihn früher zum Kartoffelauflesen gebraucht hat und der in weiten Teilen des alemannischen Badens Zeine genannt wird. Die Herkunft der Bezeichnung geht auf Zein zurück, ein altes Wort für 'Gerten' oder 'dünne Zweige'. Das Wort ist so alltäglich, das ganz nebenbei auch die eine oder andere Übertragung entstanden ist. So kann zu einer nervösen oder aufgeregten Frau auch mal gesagt werden: Sell isch e verrugdi Zeine!

Doch obwohl Zeine im deutschen Teil des alemannischen Sprachgebiets so übermächtig ist, gibt es auch noch andere Wörter, die einen Gebietsanspruch erheben. Da wäre zunächst das Wort Korb, das nördlich von Freiburg für die Rheinebene gilt. Überraschenderweise ist das Wort aber auch in der Schweiz weit verbreitet und tritt dort mit Zeine in starke Konkurrenz. Dagegen ist eine andere Bezeichnung für den zweihenkligen Korb, die nur in einem kleinen Gebiet im Hotzenwald bis zur Schweizer Grenze zu finden ist, in der Schweiz gar nicht sehr verbreitet: der Schiiner, dessen sprachliche Herkunft Rätsel aufgibt. Aber noch seltener ist der Kucher, der im Badischen nur in wenigen Orten gemeldet wurde, auf der Schweizer Seite jedoch noch etwas Unterstützung findet. Dieses Wort ist mit dem mittelhochdeutschen Wort kucher verwandt, das soviel wie 'Gefäß' bedeutet. Und schließlich muss noch auf das Wort Schiid oder Schiide verwiesen werden, das vom Schwäbischen her bis an den östlichen Rand des mittleren Schwarzwalds verbreitet ist. Aus dieser Gegend ist daher auch folgender Vers: Annele, Susannele, wie machd mr den dr Kääs? Me legd en in e Schiidili, un drugd en mid em Fiidili (verniedlichend für 'Hintern'), drum isch dr Kääs so rääs ('versalzen').

Doch wie steht es nun mit dem eingangs erwähnten Chratte, nördlicher auch Kratte genannt? Dieser kleinere Korb mit nur einem Henkel oder mit zwei kleinen Henkeln auf der selben Seite zum Umschnallen, ist in dieser Wortgestalt weit verbreitet, gerade auch da, wo bei der zweihenkligen, großen Variante das Wort Korb gilt. Dagegen heißt er im mittleren Schwarzwald eher Boge- oder Griesekorb. Im Markgräflerland und am Bodensee, sowie in einer kleinen Region im mittleren Schwarzwald decken sich die Geltungsgebiete jedoch und dort nur kann der oben erwähnte Spruch her sein, auch wenn er mittlerweile eine weitere Verbreitung erfahren hat.

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