Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Von gebackenen Flohherzchen und gebratenen Heringsseelen - Redewendungen als abschlägige Antworten auf Kinderfragen

Auf dumme und lästige Fragen oder als solchermaßen empfundene, kann (nicht nur) im Alemannischen auf humorvolle Art und Weise reagiert werden. Natürlich sind dem schlagfertigen Menschen hier keine Grenzen gesetzt, aber auch dem weniger spontan Veranlagten stehen eine Reihe von Redewendungen zur Verfügung, die zu den entsprechenden Fragen, wie Was machsch? oder Wuhi gohsch?, geprägt wurden.

Äußerst geschäftig wird in Triberg auf die Frage Was machsch doo? geantwortet: E Handheebi an e Määlsag un e Schlaubfe owedra. Natürlich hat noch niemand einen Griff an einem Mehlsack gesehen, der zudem mit einer Schleife verziert wird. Deshalb wird dem Fragenden ziemlich schnell klar, dass er sich doch bitte mit seiner Fragerei zurückhalten solle. Auch die Antwort E Schnalle aane Gausfiedle ('einen Verschluss an einen Gänsehintern'), die in Meßkirch gehört, aber auch so ähnlich aus anderen Orten gemeldet wurde (E Riegel an e Gänsarsch! aus Diersheim), zielt darauf ab, die Fragerei abzustellen. Unbedarfte Gemüter werden mit einer Antwort aus Lörrach vielleicht zum Nachdenken angeregt: Jungi, bis di Alde ferdig sin.

Aber auch der Häfelischmecker ('Topfgucker') wird auf seine Frage Was gits z'esse? gerne mit Antworten  abgespeist, die ihn in seine Schranken weisen wollen: Umbaiserippli un Eidersoß ('Ameisenrippchen und Eitersoße') ist eine mögliche Antwort aus Freiamt, die ebenso wie eine andere Auskunft süüri Schnurre un Bei underem Disch ('saure Schnauze und Beine unterm Tisch') nur noch pro forma, durch die diesbezüglich übliche Zweigliedrigkeit, etwas mit einem Gericht zu tun hat. Weniger derb, aber dennoch den Auskunftsuchenden verhöhnend, antwortet man in der Ortenau: Bachini Flohherzle un brodini Härigsseele ('gebackene Flohherzchen und gebratene Heringsseelen') oder Gifitz un bachini Hauleitere, wobei es sich bei letzterem um gebackene Heuleitern handelt, Gifitz aber nicht definiert werden kann, nur seltsam drohend anmutet. Ziemlich spartanisch fällt eine Auskunft aus, die in Südbaden weit verbreitet ist: Nix un z Owe brode mers (sinngemäß: 'Nichts, und wenn noch etwas übrig bleibt braten wir es am Abend').

Ganz hohe Erwartungen, die bei genauerem Hinsehen buchstäblich ins Nichts zusammenfallen, können auf die Frage Was hesch mer mitbroocht? geweckt werden. E goldigs Nigsle un e silwerigs Wartewil kann in Appenweier geantwortet werden oder in Ettenheim: E goldigs Niddili un ä lange Denkdra. Jedoch, das 'Nixlein' entpuppt sich als ein kleines 'Nichts' und das 'Wart-eine-Weile' wird durch seine silbrige Eigenschaft auch nicht wertvoller, ebensowenig wie das 'Denkdran' durch seine Länge. Ganz phantasievoll wird es, wenn Kindern als Mitbringsel e Nienewägili un e guldigs Nüteli in Aussicht gestellt wird, denn ein 'Wägelchen' scheint vielversprechend. Allerdings handelt es sich hier um eine Wortschöpfung mit niene 'nirgends' und zerrinnt deshalb, bevor es vorgefahren ist.

Und was kann man hören auf die Frage Wuhi gohsch? Auch hier sind der Phantasie keine Grenzen gesetzt. In Rheinbischofsheim geht man in diesem Fall Helbedridsche fange und meint damit die geheimnisvollen Tiere, die auch unter der Bezeichnung 'Elbentritschen' bekannt sind. Aber auch die simple Bemerkung Zu de Nainenaindsiger. Demit s hundert sind! ist durchaus eine angemessene Antwort, mit der man hofft, den Fragenden für diesmal abgewimmelt zu haben.

Es ist wohl anzunehmen, dass die "Opfer" dieser Antworten meistens Kinder sind. Bei einer aus Nordbaden gemeldeten Entgegnung scheint der Stiel aber umgedreht zu werden: Auf die Frage Wem g'hörscht? antwortet man: Dir net, em Frache noch.

© www.scheer-nahor.de - Friedel Scheer-Nahor