Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Wischen, schweifen, fegen - nur sauber muss es sein - Mit dem Besen kehren

Wische Sie emol sälli Stäge, fordert der Meister in einem Betrieb in Todtmoos die Aushilfe aus dem Ruhrgebiet auf und wundert sich, dass diese mit einem Eimer Wasser und einem Putzlappen zurückkommt. Des Rätsels Lösung liegt auf der Hand: Todtmoos befindet sich in einem Teil des alemannischen Südbadens, wo für 'kehren', und zwar mit Besen und Schaufel, wische gesagt wird und dort selbstverständlich angenommen wird, dass dieses Wort, das ja auch im Hochdeutschen bekannt ist, von jedermann verstanden wird. Aber, obwohl dieses Gebiet relativ groß ist und sogar in die benachbarte Schweiz hineinreicht, kann wische nicht einmal als alleinige alemannische Variante für 'kehren' gelten. Um Freiburg herum ist hierfür ein anderes Wort gebräuchlich, das fast als Breisgauer Erkennungswort gelten kann, dort schweift man nämlich. Nur in Eichstetten und zwei weiteren Orten am Kaiserstuhl, die mitten im schweifen-Gebiet liegen, wird unbeirrt gwischt. Nördlich von diesem Gebiet und östlich ans wischen-Gebiet anstoßend wird die Tätigkeit mit dem Besen wieder ganz anders bezeichnet: In weiten Teilen der Ortenau wird gfegt, wiederum ein Wort, das aus der Standardsprache bekannt ist, aber weniger als 'wischen' mit der hochdeutschen Bedeutung in Konflikt gerät. Eine ganz eigene Bezeichnung finden wir noch einmal am Bodensee; dort spricht man im Zusammenhang mit der Besenreinigung von firbe, ferbe oder fürbe, je nachdem aus welchem Ort der Sprecher stammt. 

fegen in Südbaden
Warum sich letztlich die Bezeichnungen in 
den entsprechenden Gebieten durchgesetzt haben, ist schwer zu erklären, lediglich über die jeweilige Motivation, die zu den verschiedenen Benennungen geführt haben, lässt sich einiges herausfinden. So ist wische eine Ableitung von Wisch, also etwas Zusammengebundenem oder -gedrehtem. Schweife dagegen bezeichnet die hin- und herschwingende Bewegung, eine Bedeutung, die auch in Wörtern der Standardsprache durchscheint ('umherschweifen', 'Schweif') und sogar in dem saloppen Wort 'Schwoof' für 'Tanz' zu finden ist. Fegen und fürben dagegen lassen wiederum einige Fragen offen, sind aber wahrscheinlich durch den Aspekt des Reinemachens motiviert, was z. B. auch in dem Begriff 'Fegefeuer' aufscheint, das ja nichts anderes ist, als ein Feuer, das die darin Schmorenden von den Sünden reinigen soll. Fürben ist im übrigen ein Wort, das im 13. Jahrhundert noch ein weitaus größeres Verbreitungsgebiet hatte und auch in seiner Bedeutung noch nicht so eingeschränkt war wie heute.

Jedoch, der Leser muss gewarnt werden. Auch wenn er nun anhand der Karte ziemlich genau weiß, welche Variante wo üblich ist, kann es passieren, dass er trotzdem nichts versteht. Denn vielleicht wird er in Triberg Ohrenzeuge des Satzes S isch nid gwischd oder hört in Freiamt S isch nid süüfer gschwaift. Dann kann auch gemeint sein: Das gerade verhandelte Thema ist nicht für die anwesenden Kinderohren bestimmt.

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