Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Interessant und apart - Die Sommersprossen

Wenn sich im März die Schneeglöckchen und Krokusse ihren Weg ans helle Sonnenlicht erkämpft haben, sprießt es oft auch bei hellhäutigen Menschen. Die Sommersprossen werden sichtbar, kleine braune Flecken, die sich auf der ganzen, der Sonne ausgesetzten Haut bilden.

Noch vor 30 Jahren hatten Menschen mit Sommersprossen einiges zu erdulden, denn nicht selten machten sich spottende Mitmenschen über diese körperliche Besonderheit lustig. Die het em Teufel gholfe Mischtbrüeih dresche!, sagte man über so jemanden und das konnte ein sommersprossen­übersätes Gesicht schon mal unter Wasser setzen, auf jeden Fall, wenn es einem zarteren Gemüt gehörte. Ein bisschen scheint an diesem Satz aber auch durch, dass man sich immer schon Gedanken machte, wie es dazu kommt, dass der eine solche Flecken hat und der andere nicht. Diese "Ursachenforschung" spielt vielleicht auch in die Bezeichnung hinein, die im südbadischen Alemannisch an vielen Orten den Sommersprossen gilt. Vom mittleren Schwarzwald bis zum Bodensee spricht man nämlich von Risele oder Märzerisele. Dieses Wort hängt mit 'Riesel' zusammen, einem alten Wort für Niederschlag in Form von Regen, Hagel oder Tau. Wahrscheinlich hatte man das Gefühl, die Sommersprossen sind Rückstände von einer Form des Niederschlags, wie etwa Hagelschäden bei Blättern. Dazu passt auch, dass mancherorts davor gewarnt wurde, Kinder unter einem Jahr in den Regen kommen zu lassen, weil sich sonst Sommersprossen bilden würden.

Doch Risele ist nicht das einzige Wort, das auf der nebenstehenden Karte erscheint. Schaut man sich die anderen Bezeichnungen an, fällt auf, dass sich die meisten aus zwei Wortbestandteilen zusammensetzen, die munter gemischt werden. Als Grundwörter haben wir es da neben den Riselen auch mit SprossenFlecken und mit Kegeln zu tun. Bei Sprossen ist leicht herzuleiten, dass das Wort von 'sprießen' kommt, eine Vorstellung, die im Zusammenhang mit dem Erscheinen der Sommersprossen ziemlich einleuchtend ist. Auch das Wort Flecken ist leicht nachvollziehbar. Rätselhafter ist dagegen das Wort Kegel. Als Märzekegel begegnet es uns im Hegau und westlich davon. Wahrscheinlich ist dieses Wort durch die Form der Sommersprossen motiviert, wenngleich sie sich natürlich nicht kegelförmig erheben. Aber sie sind oft rund wie der Kegel und vielleicht spielt hier auch wieder ein gewisser Spott hinein, denn nennt man nicht auch Kothaufen zuweilen Kegel?

Sommersprossen in Südbaden

Die Bestimmungswörter, also die ersten Glieder der in der Karte verzeichneten Bezeichnungen, sind dagegen in ihrer Motivation wieder völlig nachvollziehbar. Die Entdeckung, dass die Sommersprossen nur in der Sonne gedeihen ist dafür verantwortlich, dass Zusammensetzungen mit den zeitlichen Angaben Sommer- und März- gebildet wurden. Das Wort Laubflecken dagegen ist nach einem anderen Prinzip entstanden. Hier steckt die Vorstellung dahinter, dass es sich um Flecken handelt, die wie Laub aussehen, sowohl von der Form als auch von der Farbe her betrachtet.

Interessanterweise gibt es zwischen den beiden großen Gebieten Laubflecken und Risele aber ein paar ganz kleine Gebiete, wo eine Mischung der beiden Wörter gilt, nämlich Laubrisele. Dieses Phänomen ist in der Dialektologie des öfteren anzutreffen: Immer wieder kristallisiert sich in Übergangsgebieten eine eigene Form heraus, die entweder eine Mischung von beiden oder eine ganz eigene ist. Manchmal wird in dem Fall auch auf die hochsprachliche Form ausgewichen. So ist es zu erklären, dass es auch Meldungen gibt, die nur aus einem Ort stammen, wie etwa Märzenblümle aus Urloffen. Aber auch Roßmucken sind im alemannischen Teil von Baden nur einmal gemeldet, in Möhringen. Diese haben allerdings ein umfangreiches Hinterland im Schwäbischen, denn am nordöstlichen Rand von Württemberg sind sie stark verbreitet.

Wer die Risele oder Kegel loshaben wollte, dem empfahl man früher, er solle sich mit Karfreitagswasser oder Milch waschen. Das hat er oder sie heute nicht mehr nötig, denn inzwischen gelten die Pigmentflecken, Pippi Langstrumpf sei Dank, sogar als interessant und apart.

© www.scheer-nahor.de - Friedel Scheer-Nahor