Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Hesch de Pfuuser? - Der Mumps

"Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen!", sagt der Volksmund und liefert damit eine Einschätzung, die auch für das zutrifft, was heute Gegenstand unserer alemannischen Dialektbetrachtung ist. Um den "Mumps" geht es da nämlich, also um die schmerzhafte Ohrdrüsenschwellung, die durch eine Virusinfektion hervorgerufen wird.

Fast alle Bezeichnungen, die es in Südbaden für diese Krankheit gibt, sind bei genauerer Betrachtung wenig schmeichelhaft oder gar tröstend. Im Gegenteil, das Erscheinungsbild, das der Kranke abgibt, wird zum Benennungsgegenstand gemacht und zwar so, dass eine gewisse Belustigung darüber unübersehbar ist. Wenn im Breisgau gefragt wird "Hesch de Pfuuser?", klingt da auch ein klein wenig die Bedeutung des Zeitworts pfuuse mit. Pfuuse tut nämlich auch der, der als beleidigte Leberwurst die Backen aufbläst und schmollt, also böse ist, weil er sich ungerecht behandelt oder anderweitig zurückgesetzt fühlt. Hat er die Krankheit "Mumps", sieht er zwar genau so aus, das allerdings nicht aus freiem Willen. Er kann nichts daran ändern, im Gegenteil, wenn es ihn nun mal erwischt hat, muss er durch. "Bim eine gohts e Woch un bim andere acht Dag", lautet hier der augenzwinkernde Hinweis, wobei auch gleich eine der wichtigsten Bestimmungswörter bei unseren in Südbaden verzeichneten Wörtern geklärt wäre. Neben Zusammensetzungen mit Ohre haben wir es da nämlich hauptsächlich mit Kombinationen mit Woche oder Wuche zu tun, selbstverständlich ein Verweis auf die durchschnittliche Dauer der Misere.

Mumps in Südbaden

Ähnlich lächerlich wie der Pfuuser ist auch derWochedüppel, -dippel oder -tölpel. Der Grund dafür ist einfach festzumachen. Ein großer, dicker Kopf ist nunmal nicht Sinnbild für einen messerscharfen Verstand. Es ist doch eher so, dass durch die angeschwollenen Ohrdrüsen der Kranke einen dümmlichen Eindruck macht, was sich dann eben in so wenig schmeichelhaften Worten wie Tölpel oder Dippel niederschlägt. Diese Wörter sind erst relativ spät bezeugt. Nach dem Herkunftswörterbuch von Kluge-Seebold nennt man den Mumps in bestimmten Regionen erst seit dem 19. Jahrhundert so. Davor hieß er demzufolge anders. Aber wie? Vielleicht Malle, wie in der Gegend um Meßkirch und Pfullendorf? Das ist eher fraglich, weil auch diese Bezeichnung ein Übername ist, aus dem nicht ablesbar ist, wie lange er schon auf die Krankheit angewendet wird. Das Wort Malle bedeutet in dieser Region auch "Kater" und dessen dicker Kopf, der für Kater typisch ist, wurde wohl als Benennungsmotiv für die Krankheit hergezogen.

Überall geht es bei der Benennung dieser Krankheit also um den dicken Kopf. Was aber steckt hinter dem  Mousche in der Ortenau, der noch eine Menge Spielformen aufweist? In Kippenheimweiler kennt man den Moischl, in Hugsweier den Moisis und in Altenheim den Mauses. Hier gibt es berechtigte Vermutungen, dass diese Bezeichnungen zu dem jüdischen Vornamen "Moses" gestellt werden können. Es könnten aber auch Verbindungen zu Mauch gezogen werden, einem Wort mit schillernden Bedeutungen. Sowohl die Pferdekrankheit, als auch eine bestimmte Kröte oder der Zuchtstier kann so mancherorts bezeichnet werden. Daneben gilt die Bezeichnung auch für Angehörige von Familien, die nicht seit eh und je ortsansässig waren. Diese mussten sich früher diese Bezeichnung gefallen lassen, die den Verweis auf etwas Verstecktes, Hinterhältiges in sich birgt.

Natürlich sind auch damit noch nicht alle Benennungen im Land aufgezählt. Mischformen und Einzelbelege gibt es zuhauf. So wurde aus Ottersweier die Bezeichnung Wachsknittel gemeldet, während man in Karsau angibt, den Wocheglunki zu kennen, worin ja auch ein leichter Tadel steckt. In Hofstetten benennt man die Sache mit Ohreklemmer. Hier kann man wohl sagen, dass damit endlich mal ein wenig Mitgefühl ausgedrückt wird. Denn die Krankheit wird mit ihrer bösen Eigenschaft in Verbindung gebracht: Sie sitzt am Ohr und kneift. Wohl dem, der sie überstanden hat, er hat dann sein ganzes Leben lang Ruhe davor.

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