Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Der Sprung zur Motorsäge war zu groß - Das Haumesser

Was hat das Säsle mit den Sachsen zu tun? Und ist ein Dechsel das gleiche wie ein Schnäker? Das ist nur ein Teil der Fragen, die das Haumesser anschneidet, das früher - nicht nur zum Wellenmachen - gebraucht wurde.

Als relativ einfaches, aber effizientes Werkzeug war dieses kleine Beil unentbehrlich. Denn immer schon gab es Reisig, Gerten und kleines Gehölz zu bearbeiten. Die Stube wollte schließlich geheizt werden und von einer Gas- oder Ölheizung war lange Zeit weit und breit noch keine Spur. Zum Bearbeiten von Reisig oder dünnerem Holz hatte sich wohl die Form des Haumessers bewährt. Diese kann zwar variieren, denn mal geht die Nase an der Spitze der Schneide nach oben, mal zeigt sie nach unten oder die Schneide hat insgesamt eine abgerundete Form. Allen gemeinsam ist aber, dass das Messer nicht nur zum Schneiden, sondern auch zum Zurechtrücken oder Heranziehen des zu bearbeitenden Materials gut ist.

Von Gemeinsamkeiten bei der Benennung dieses Werkzeugs kann dagegen im Südbadischen nur bedingt die Rede sein. Bei dieser Sache sind die Namen tatsächlich so verschieden, als wäre die Ortenau vom Hotzenwald Lichtjahre entfernt. Jede Region wartet mit einer anderen Bezeichnung auf, die auf den ersten Blick meist unerklärlich ist. Sicher, das Hau- oder Holzmesser, das Reb- oder Spitzmesser oder der Steckenspitzer haben sich selbst erklärende Namen, die ganz so, wie es im Deutschen üblich ist, zusammengesetzt sind. Das so bezeichnete Messer ist demzufolge zum Hauen da, es ist für das Holz beziehungsweise die Reben bestimmt oder fällt durch seine Spitze auf, während der Steckenspitzer vornehmlich zum Anspitzen von Stecken oder Pfählen benutzt wird. Woher hat aber das Säsle seinen Namen und was hat es mit dem Gertel oder Gerter auf sich?

das Haumesser in Südbaden

Das Säsle, das im Breisgau und in der Ortenau weit verbreitet ist, wird mancherorts auch Säxsle genannt. Das ist nicht weiter sonderbar. Das Schwinden des x-Lautes ist in Teilen des Alemannischen auch in anderen Fällen zu verzeichnen. So kann man in manchen Gegenden waase statt wachse hören. Fest steht jedenfalls, dass es sich hier um dasselbe Wort handelt und dass damit eine auffällige Ähnlichkeit zur Volksstammbezeichnung "Sachse" besteht. Das wiederum hat den verbindenden Hintergrund, dass die Sachsen ihren Namen von ihrer Waffe, dem Kurzschwert - eben dem Sachs - erhielten, das sie mitgeführt haben. Zumindest der Name des Säsle reicht daher in gemeinsame germanische Zeiten zurück. Mindestens ebenso alt ist aber auch die Wurzel des Dechsels. Es geht auf das germanische Wort thehsalon zurück, mit dem so etwas Ähnliches wie eine Zimmermannsaxt bezeichnet wurde. Der gebietsmäßig daran anschließende Bäcksel oder Bäckser dagegen scheint ein "Mischling" zu sein. Wahrscheinlich wirkte bei ihm das Wort bäcke, also "hacken" auf Dechsel beeinflussend. Denkbar ist aber auch, dass das Wort bäckse mit in den Wortbildungsprozess eingegangen ist. Das steht nämlich in manchen Gegenden für grobes, unbeholfenes oder mit stumpfem Messer verübtes Schneiden.

 

ein Säsle

 

Relativ schnell zu erklären ist das Wort Gertel. Bei ihm handelt es sich um ein Gerät, mit dem man "gertet", also Gerten, Weiden und dünnes Geäst schneidet oder bearbeitet. Auch der Name des Gertmessers lässt sich damit erhellen. Beim Schnäker dagegen ist der Fall nicht ganz so einfach zu klären. Zwar ist es wahrscheinlich, dass das Wort von dem Zeitwort schnäken abgeleitet werden kann. Aber was ist schnäken? Historische Quellen aus Bayern geben als Bedeutung für dieses Wort "klein hauen, schnitzen" an und demzufolge gehört dieses Wort zu den zahlreichen Spielformen von Wörtern mit "schn", die alle etwas mit schneiden zu tun haben. So kennt man da schnitzen, schnäfeln, schnetzeln und schnipseln, alles Wörter, bei denen ein missbilligendes Urteil über die so bezeichnete Tätigkeit mitschwingt.

Da bleibt nur noch das Wort Häpe, das um Baden-Baden herum üblich ist. Auch anderswo kennt man dieses Wort, dort meint man damit aber eine Hupe oder ein Blashorn. Gegebenenfalls kann man auch zu einem kleinen Mädchen scherzhaft oder kosend sagen: Du Häppe! Das hat aber mit der Häpe, die für das Haumesser steht, überhaupt nichts zu tun. Dieses Wort ist verwandt mit der "Hippe", die man im Allgemeinen dem personifizierten Tod, dem Sensenmann, unterschiebt.

Eine Fülle verschiedener Werkzeuge, die über die Jahrhunderte hinweg lebenswichtig waren, haben also viele verschiedene Namen mit sich gebracht, Namen, die immer wieder auf andere Werkzeuge übertragen wurden. Heute jedoch drohen sie in Vergessenheit zu geraten, weil die damit bezeichneten Geräte nicht mehr gebraucht werden. Die rechtzeitige Übertragung auf gegenwärtige Gegenstände hat nun mal leider nicht geklappt. Der Sprung vom Säsle zur Motor-Kettensäge war eben doch zu groß.

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