Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

S git nit, was es nit git! - Von den Kotklumpen bei Kühen

Es ist schon verblüffend, was Sprachwissenschaftler so alles interessiert. Manchmal treiben sie es damit sogar auf die Spitze - auf die Kuhschwanzspitze ...

Etwa 30 Jahre ist es her, dass sich Dialektforscher des Südwestdeutschen Sprachatlasses aufmachten, um bei kompetenten Mundartsprechern in einem sorgfältig abgesteckten Ortsnetz einen dicken Fragekatalog abzufragen. Und da war auch die Frage nach den Kotklumpen oder -klunkern bei Kühen darunter. Natürlich sollte es so etwas überhaupt nicht geben, denn solcherlei "geschmückte" Kühe gelten nicht gerade als vorbildlich. Aber auch hier gilt die alemannische Weisheit: S git nit, was es nitt git! Man höre und staune, von der Sache wurde berichtet und sie firmiert im südlichen Baden unter ganz unterschiedlichen Bezeichnungen.

Da ist zunächst die Bägle zu erwähnen, ein Begriff, der nicht nur der eingetrockneten Schmutzkruste beim  Rindvieh vorbehalten ist. Noch eine weitere unappetitliche Sache, der vertrocknete Nasenschleim, den manch einer in unbeobachteten Momenten zu Tage fördert, erfreut sich dieses schönen Namens. Und auch die Bägle, die einer heimschleipft, wenn er zu tief ins Glas geschaut hat, soll hier nicht unerwähnt bleiben. Da wird das Wort allerdings in einem übertragenen Sinn benutzt, denn eigentlich bedeutet Bägle "eingetrockneter Schmutz, der sich irgendwo angesetzt hat". Und diese Bedeutung hat mit dem Rausch nur gemein, dass auch dieser Zustand unerwünscht ist und haftet, wie ein lästiger Kotklumpen. Weil man dem Wort also nicht ansehen kann, um welche Schmutzkruste es sich genau handelt, wurde der abgefragte Kotklunker an manchen Orten konkretisiert. So kann man dem Ganzen mit Mischt- oder Kuehbägle noch etwas mehr Kontur verleihen.

Kotklumpen bei den Kühen in Südbaden

So ist es auch mit den Bollen, die auf unserer Karte in zwei Gebieten vertreten sind. Auch das ist ein Wort, das - zusammenhanglos benutzt - für vieles gelten kann. Wer kennt ihn nicht, den Bollehuet, der zum Wahrzeichen des Schwarzwalds geworden ist? Und welchem Kind schlägt nicht das Herz höher, wenn es gefragt wird, ob es zwei oder drei Bollen Eis will? Bollen ist also ein ganz neutrales Wort, jedenfalls neutraler als Bägle. Es kann einfach für alles hergenommen werden, was rund und zusammengeballt ist. Will man sich bezüglich der Schmutzkruste bei Kühen da genauer ausdrücken, kann man auch hier bestimmende Wörter, wie MischtKueh oder Dreck davor stellen, wie vielerorts gemeldet wurde.

Dass offensichtlich die hier besprochenen Kotklumpen dazu neigen, ganz von alleine eine runde Form anzunehmen, wird auch aus einem weiteren Wort ersichtlich, das im Markgräflerland bis in den Klettgau hinein verwendet wird. Dort kennt man in diesem Zusammenhang die Rolle, eine Bezeichnung, die noch viel mehr und verschiedenarti­gere Bedeutungen haben kann, als Bägle und Bolle zusammen.

Natürlich kann alles, was länglich und rund ist als Rolle durchgehen. Das gilt für abgesägte Stücke von einem Baumstamm genauso, wie für die Fadenrolle, die allerdings auch gerne Rugeli oder Krugeli genannt wird. Darüberhinaus gibt es aber noch einiges, was ebenso mit Rolle bezeichnet werden kann. Ein Blick ins Badische Wörterbuch ergibt achtzehn verschiedene Bedeutungen, die dieses Wort haben kann, wovon die Würstchen des Haselnussstrauches im Elztal und die grünen Früchte der Kartoffel in Gütenbach nur zwei sind. Wer hätte jedoch gedacht, dass man auch Haarlocken und die gekräuselte Feder des Enterichs so nennen kann? Das Alemannische ist eben äußerst vielseitig. Und poetisch dazu, auch wenn der Gegenstand davon weit enfernt ist. Aus Altenheim wurde nämlich die Redensart Bolle wie Rolleschelle (für besonders dicke Kotklumpen) überliefert, ein Vergleich, der durch die Anhäufung der ll's fast gedichttauglich ist.

Weniger die Form als vielmehr das Geräusch, was solche Kotklunker machen können, hat man wohl am Bodensee im Sinn, wenn man dort von Klattere spricht. Das hört sich nach lautmalerischem "Klatschen" oder "Klappern" an. Vielleicht klingt in diesem Wort außerdem noch der Vorgang an, wenn die Kuh pflatschend einen Kuhfladen, eine Deische produziert. Mancherorts in Südbaden sagt man hierzu nämlich lättere. Doch das ist spekulativ. Jedenfalls zeigt das Thema, dass sich Sprachwissenschaftler von keinem noch so widerwärtigen Untersuchungsgegenstand abschrecken lassen und selbst den Kotklumpen beim Rindvieh noch etwas abgewinnen können.

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