Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Wohlerzogenes Obst? - Vom Obstpflücken

Scharmanti bruuni Bire, scharmanti roti Öpfel ab der Hurt, so konnten Äpfel und Birnen zu Johann Peter Hebels Zeiten noch bezeichnet werden, wie in seinem Gedicht "Eine Frage" nachzulesen ist. Doch wie hat man sich diese "charmanten" Birnen und Äpfel vorzustellen? Waren sie besonders wohlerzogen, zuvorkommend und freundlich in ihrer Art? Nein, das hatte Hebel bestimmt nicht gemeint! Bei ihm war das Wort, das eigentlich "anmutig" oder "bezaubernd" bedeutet, noch nicht ausschließlich auf Menschen bezogen. So bezeichnete Äpfel und Birnen waren einfach nur tadellos, ohne Makel oder Maase, also ohne Druckstelle oder Hautverletzung. Und jeder Obstbauer weiß, wer solche Äpfel oder Birnen haben will, muss vorsichtig mit ihnen umgehen. Man darf die Apfelbäume dann nicht einfach schütteln bis darunter alles grudlig voll liegt. Wer Äpfel und Birnen zum Essen einlagern will oder gar als Tafelobst verkaufen will, muss sie brechegünne oder gwinne, je nachdem, wo in Südbaden dieser Tätigkeit nachgegangen wird.

Obst pflücken in Südbaden

Ein Blick auf die nebenstehenden Karte verschafft darüber die nötige Klarheit: Im mittleren Schwarzwald, Ortenau und Breisgau werden Epfel broche, im Markgräflerland, Hotzenwald bis auf die Höri kann man Öpfel günne und auf der Baar und zum Bodensee hin spricht man vom Epfel gwinne. In einem Gebiet in der Mitte ist jedoch ein grauer Fleck, auf dem keine Bezeichnung eingetragen ist. Es mag zwar sein, dass in dieser Region der eine oder andere Begriff für "pflücken" bekannt ist. Bei der Erhebung, die der Karte zugrundeliegt und bei der nach dem Begriff für "Äpfel ernten" gefragt wurde, wurde die Bezeichnung für "Äpfel pflücken" jedoch nicht genannt. Wohl spricht man hier davon, dass Äpfel rab-, abi-, ab- oder nabgmacht beziehungsweise ‑due werden. Damit ist aber die weniger sorgfältige Art gemeint. Die Erklärung für dieses Phänomen kann nur sein, dass die Ernte von Tafelobst, das auf dem Markt verkauft werden kann, in dieser Gegend wegen klimatisch raueren Bedingungen keine Bedeutung hat und somit die entsprechenden "Fachwörter" für das Pflücken auch keine Rolle spielen.

Vielleicht ist auch der Sonderweg, den die Bleibacher und Simonswälder gehen, auf diesem Hintergrund zu verstehen. Diese geben nämlich an, dass Äpfel kruttet werden. Das klingt verdächtig nach der Ernte von anderen Früchten, die im Schwarzwald im Gegensatz zu milderen Gegenden von Bedeutung ist, dem Sammeln von Beeren, insbesondere von Heidelbeeren. Wahrscheinlich ist krutte, also "krauten", einfach eine Übertragung vom Beeren- aufs Apfelpflücken. Und wen wunderts, dass auch auf der Insel Reichenau ein besonderes Wort gilt, dort, wo Obst- und Gartenbau nachweislich schon seit Jahrhunderten betrieben wird? Von dort wurde berichtet, dass die Äpfel gelesen werden, ein Wort, das man bei uns sonst nur aus dem Hochdeutschen kennt oder aber im Zusammenhang mit "Schrift" oder "Buchstaben". So weit auseinander sind diese beiden Bedeutungen jedoch nicht. Sie gehen beide auf den selben Ursprung "sammeln, auflesen" zurück; im einen Fall sind eben Äpfel gemeint, auf der Reichenau selbstverständlich weiterentwickelt zur Bedeutung "pflücken", und im andern Fall liegt die Vorstellung zugrunde, dass mit den Augen Buchstaben "aufgelesen" und zu Wörtern zusammengefügt werden.

Auch die Wörter gwinne und günne, wovon Letzteres nur eine Variante von "gewinnen" ist, sind in ihrem Ursprung sehr nahe an dem, was sie im Alemannischen heute bedeuten. Hier geht es nicht um Lotterielose, die Reichtum versprechen oder um einen Wettbewerb, bei dem man unbedingt Erster werden muss. "Gewinnen" geht nämlich auf das germanische Wort wenn-a zurück, das "sich mühen" bedeutet und kann deshalb in seiner eigentlichen Bedeutung mit "durch Mühe erreichen" umschrieben werden. Trifft das die Sache nicht haargenau? Wer einen ganzen Tag beim Äpfel gwinne dabei war, wird am Abend diese Frage sicher bejahen können. Das geht denen, die ihre Äpfel brechen, zwar nicht anders. Ihre Bezeichnung ist jedoch schlichter: Sie brechen den Stiel vom Ast und damit hat sich die Sache.

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