Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Ein ganz besonderer Leckerbissen - Der Brotanschnitt (Umfrageergebnis)

Wer hätte das gedacht? Fragt man in Südbaden nach dem Anschnitt des Brotes, kommen Wörter heraus wie KropfEnkelMündli oder Zipfel. Am weitaus häufigsten ist aber der Knaus mit zahlreichen lautlichen Spielarten.

Laible, du musch Riebele heiße, Riebele, du musch gesse sei, sagt man im Schwäbischen und meint damit, dass der Laib Brot ganz schnell zu einem Riebele, also zum Brotrest schrumpft und dass dieses dann selbstverständlich auch gegessen werden muss. Denn nicht nur in Schwaben ist es so, je älter das Brot wird und je mehr es zum letzten Rest des Brotes hingeht, desto weniger Appetit ist in der Regel vorhanden. Ganz anders ist das beim frisch gebackenen Brot. Da kann jeder, der beim Brotbacken einmal dabei sein durfte, erzählen, wie beliebt der KnäuserKropf oderZipfel war, der schon immer als ganz besonderer Leckerbissen galt. Er meint damit in der Regel ein bestimmtes Gebilde am Brotlaib, dessen Entstehen beim Backen noch nicht einmal beabsichtigt war. Je nach Temperatur­ver­hältnissen kann es nämlich passieren, dass die Kruste an einer Stelle aufreißt und sich Inneres nach außen wölbt, wieder eine Kruste bildet und als Auswuchs am Brot geradezu dazu auffordert, dass man es abbricht und schon mal vorab genießt. Dieses Gebilde hat mit dem Anschnitt gemeinsam, dass es von viel Kruste, mundartlich Ranfte, umgeben ist. Deshalb haben Anschnitt und Auswuchs vielerorts den gleichen Namen: Die untenstehende Karte zeigt eine Reihe von Benennungen, die in Südbaden dafür üblich sind, von Miisli, über Zipfel bis Knerbel.

Brotanschnitt in Südbaden

Mancherorts wird aber zwischen Anschnitt und Auswuchs klar unterschieden, wie z. B. in Feldkirch, Weitenau, Wies und Mundingen, wo das eine KnäuserKneisli oder Chnäusli heißt und das andere mit Kropf oder Chropf bezeichnet wird. Unschwer wird man entscheiden können, welches von beiden der Anschnitt ist. Orientiert man sich nämlich an der Redensart unnötig wie e Kropf, kommt man der Sache näher. Ohne den Anschnitt geht es keinenfalls, aber ohne Auswuchs. Letzterer ist zwar beliebt, aber im Prinzip genau so überflüssig, wie die durch Jodmangel entstehende Verdickung am Hals.

Nun gibt es aber noch eine dritte Erscheinung beim Backen, die in die ganze Sachlage hineinspielt: Wenn die Brotlaibe im Ofen zu dicht nebeneinander sitzen, kann es passieren, dass sie aneinander backen und an dieser Stelle gerade keine Kruste bilden. Gerne schneidet man das Brot dann genau an dieser Stelle an. Vielleicht stand diese Erscheinung beim Namen Mündli Pate, wie der Anschnitt teilweise am Bodensee heißt, weil das Brot an dieser Stelle Ähnlichkeit mit einem Mund hat. Um Waldshut spricht man dagegen von einem Enkel. Dies hat mit einem Kindeskind wohl nichts zu tun. Schon eher mit einem anderen Körperteil, mit dem Fußknöchel. Ihn kennt man auch unter dem alten Namen Enkel. Wahrscheinlich sah man irgendwann einmal Ähnlichkeiten in der Erscheinung, denn wie der Fußknöchel hervorsteht, so erhebt sich auch der Auswuchs beim Backen am Brot. Anderswo bezeichnete man diese Erscheinung einfach mit Zipfel, wie es in der Furtwanger Gegend zu hören ist.

Doch die allermeisten Antworten auf die Frage nach dem Brotanschnitt hatten bei den Leserinnen und Lesern der Badischen Bauern Zeitung etwas mit Knaus zu tun. Dieser tritt bei uns aber in den unterschiedlichsten Lautungen auf: Vom Kniisli über den Knauser bis zum Chnüüs waren zahlreiche Varianten vertreten, eine Tatsache, die dem Sprachforscher einige Fragen aufgibt. Denn, würde sich dieses Wort so verhalten, wie man es in der Dialektologie theoretisch herausgearbeitet hat, dürfte es entweder nur KnauserKnäuserChnäusli und Kneisli geben oder aber KnüüserKnuuser, Chnüüsli und Kniisli. Hier spielt nämlich eine der Lautentwicklungen, die das Alemannische vom Hochdeutschen unterscheiden, eine Rolle, die Entwicklung vom uu zum au, wie im Wort Huus, aus dem Haus wurde. Allerdings sind nicht alle au's im Hochdeutschen zuvor ein uu gewesen. Es gibt auch ou's die sich dahingehend weiterentwickelt haben, z. B. der Boum zum Baum. In der Sprachforschung unterscheidet man diese beiden Stränge, die im Hochdeutschen zusammenfallen. So geht man davon aus, dass ein Wort in der Regel den einen Ursprung hat oder den anderen. Nicht so unser Knauser, er zeigt sich vielseitig und überhaupt nicht knauserig mit sprachwissenschaftlichen Problemen.

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