Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Huffe, Schoche oder Birling - Der Heuhaufen, der zum Schutz vor Regen gemacht wird (Umfrageergebnis)

Wo man bei drohendem Unwetter Haufen, Schochen oder Birling macht, ist laut Auskunft der BBZ-Leser ziemlich klar unterteilt. Warum die einen aber größere und die anderen kleinere Haufen machen, bleibt dagegen rätselhaft.

Ob Heu oder Öhmd in guter Qualität unter Dach und Fach gebracht werden kann, hängt in besonderem Maße vom guten Wetter ab. Das ist heute noch ganz genau so wie früher. Noch viel mehr als zu anderen Jahreszeiten ist da in der Landwirtschaft der Wetterbericht von Bedeutung und es herrscht zwangsläufig aufmerksame Stille am Mittagstisch, wenn im Radio die entscheidende Voraussage auf Regen oder Sonnenschein gegeben wird.

Geändert haben sich jedoch die Methoden, wie mit dem Heu umgegangen wird, bis es eingebracht werden kann. Wo früher zahlreiche Helfer damit beschäftigt waren, zu mähen, zu zetteln, zusammenzurechen und wieder auszubreiten, kreist heute nur noch ein einsamer Traktorfahrer auf der Wiese, der all diese Arbeiten dennoch in weniger Zeit erledigt. Manche Arbeitsgänge werden dabei jedoch so gut wie überhaupt nicht mehr eingebaut, zum Beispiel das Haufenmachen bei drohendem Regen oder auf die Nacht hin. Die Bezeichnungen für diese Haufen sind aber noch bekannt und hier lassen sich regionale Unterschiede feststellen, wie auf der nebenstehenden Karte leicht zu erkennen ist.

Heuhaufen in Südbaden

Da fällt zuerst einmal auf, dass die Neigung dazu, die Sache zu verkleinern, indem man ihr ein -li  anhängt, in einem breiten Streifen entlang des Rheins größer ist als im mittleren und südlichen Schwarzwald. Während es in Ödsbach, Ramsbach, Oberharmersbach, Schönberg und Schuttertal Haihuffe heißt, spricht man in der Rheinebene von Hai- oder Wetter-Hiffli, Hüffli oder Hiffle. Und auch bei Schoche und Schöchli bzw. Schechli ist eine solche Verteilung augenfällig. Natürlich kennt man auch im Schoche- oder Huffe-Gebiet die Verkleinerung, sie wurde aber interessanterweise nicht oder nur selten genannt, während dies in den anderen Gebieten die Regel war. Ob hier Rückschlüsse darauf gezogen werden können, dass man einerseits größere und weniger, andererseits kleinere und zahlreichere Haufen machte, ist nicht sicher, aber eine mögliche Erklärung. Immer müssen natürlich auch die landschaftlichen Unterschiede und die dementsprechenden Arbeitsmethoden bedacht werden, die für die unterschiedliche Bezeichnung verantwortlich sein können. In Wehr jedenfalls scheint die tatsächliche Größe für die Benennung keine entscheidende Rolle zu spielen, denn dort sagt man: Schöchli im Heuet wie e Muus, im Äämdet wie e Huus. Damit weist man darauf hin, dass später im Jahr mehr Tau fällt und deshalb die Haufen für die Nacht größer gemacht werden müssen.

Abgesehen von diesen, die Größe betreffenden Unterschieden gibt es aber auch verschiedene Namen für die Sache. Neben den bereits genannten (Wetter- bzw. Hai-) Huffe und Schoche findet sich im Osten Badens der Birling oder der aus Seelfingen und Boll bei Meßkirch gemeldete Berling. Hierbei handelt es sich um ein ganz interessantes Wort, das von dem alten gemanischen Wort bera für "tragen" abgeleitet ist, von dem auch noch einige andere Wörter zeugen, wie etwa das Wort "gebären". Die ursprüngliche Bedeutung von "gebären" kann nämlich mit "austragen, zu Ende tragen" umschrieben werden. Auch in dem Wort "Bahre" steckt das alte Wort für "tragen", was ja auch in der Sache leicht nachvollziehbar ist. Was hat nun aber unser Birling hiermit zu tun? Ganz einfach, bei einem Birling handelt es sich um die Menge, die ein Mann gerade noch tragen kann.

Aber auch der Schoche ist im Grunde eine Mengenangabe. Er geht nämlich zurück auf das selten gewordene Wort "Schock", das "eine Anzahl von 60" bedeutet. Wahrscheinlich bezeichnete man damit ursprünglich einen Garbenhaufen von 60 Stück, bis der Schoche mehr und mehr die Bedeutung von "Haufen" an sich bekam und auch auf andere Zusammenhänge übertragen wurde, wo man von einer großen Menge sprechen wollte. So kann man auf der Baar sagen, ein Korb ist gschochet voll, wenn beim besten Willen nichts mehr darin Platz hat. Anderswo wiederum spricht man davon, dass jemand ä Schoche ruslacht, wenn er urplötzlich und heftig lachen muss. Auch der Familienname Schöchlin hängt mit dem Schoche zusammen und ist ursprünglich als ein Übername, vielleicht für einen etwas kompakten Menschen, aufzufassen. Der Familienname Birlinger dagegen hat mit Birling nichts zu tun, denn hier kann man wohl davon ausgehen, dass es sich um einen Herkunftsnamen handelt. Damit bezeichnete man einen Zuwanderer, der aus dem württembergischen Bierlingen oder dem elsässischen Birlingen kam. Und auch diese Ortsnamen sind weit davon entfernt, mit einem Heuhaufen in Verbindung gebracht werden zu können, weil alle Ortsnamen, die mit -ingen enden, auf Personennamen zurückgehen.

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