Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Die Ostbadener tränken nicht nur Kälber - Vom Gießen (Umfrageergebnis )

Bei der Frage nach dem Gießen von Blumen und Pflanzen gab es in der BBZ-Umfrage klare Fraktionen: Die einen spritzen und die anderen tränken. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, was die Beziehung dieser Wörter zum Hochdeutschen angeht.

Es gibt Worte, die so vielseitig in ihrer Bedeutung sind, dass es fast unglaublich scheint, dass man sich mit ihnen trotzdem genau ausdrücken kann. Und doch, wenn sie in einem bestimmten Zusammenhang genannt werden, weiß jeder, was man mit ihnen sagen will. Spritzen ist so ein Wort. Der Winzer kann die Reben gegen Krankheiten spritzen, die Hausfrau kann eine Torte spritzen und die Kinder können die Eltern nass spritzen, wenn sie gerade am Planschbecken vorbei gehen. Außerdem kann Fett in der Pfanne und das Blut aus der Wunde spritzen oder der Patient gegen Typhus gespritzt werden. In einem großen Gebiet des südwestlichen Badens werden auch noch die Blumen gespritzt, wenn man nicht will, dass sie den Kopf hängen lassen oder gar ganz verdorren. Dem ganzen Spektrum von "spritzen" wird dort also noch eine Bedeutung mehr dazu gepackt. Das Gemeinsame bei all diesen Tätigkeiten ist, dass es um eine Flüssigkeit geht, die als Tropfen oder im Strahl verteilt wird. Deshalb versteht der, der normalerweise "gießen" sagt, auch ziemlich schnell, worum es beim Blumenspritzen geht. Ob er allerdings auch sprützespretze und sprenze versteht, hängt dagegen etwas von seiner Phantasie ab. Schwer ist es selbstverständlich nicht, einen Zusammenhang mit spritzen zu erkennen. Bei sprütze und spretze handelt es sich ja nur um geringe lautliche Unterschiede. Und von spretze zu sprenze wiederum ist es auch nicht mehr weit. Irgendwie hört man den Wörtern schon an, was sie ungefähr bedeuten. Denn allen gemeinsam ist das lautmalerische spr am Wortanfang, das in vielen mit spritzen verwandten Wörtern zu finden ist und das darauf hindeutet, dass es um ein Hervorquellen geht, das sprudelt, sprüht, sprenkelt oder sprießt.

 Blumen gießen in Südbaden

Spritzen ist also ein Wort, das es im Hochdeutschen durchaus gibt, aber eben nicht in der Bedeutung "gießen". Und genauso ist es mit dem Wort tränken, das im östlichen Baden für diese Tätigkeit genannt wird. Auch das kennt man anderswo, allerdings nur im Zusammenhang mit Tieren oder allenfalls noch für Sachen, die sich mit Flüssigkeiten vollsaugen können, wie Holz, Papier oder Schwämme. Vom Blumentränken hat in Hamburg oder Köln dagegen kaum jemand etwas gehört. Dabei ist das eine schöne und einleuchtende Vorstellung. Blumen sind ja ebenfalls Lebewesen und warum sollte man ihnen nicht auch zu trinken geben? Nun wird der Verwirrung aber noch die Krone aufgesetzt, wenn aus Fützen oder Ewattingen gemeldet wird, dass dort nicht die Blumen, sondern d Striis tränkt  werden. Schaut man sich um, gibt es sogar zahlreiche Orte, wo das ebenso der Fall ist: Seelenruhig werden da "Sträuße" getränkt und mancherorts auch gespritzt, womit die Leute genau dasselbe meinen wie die, die sagen, sie würden Blumen gießen. Da legt der Ortsfremde dann doch die Stirn in Falten, zweifelt am eigenen Verstand und ist geneigt zu sagen: "Das kann doch nicht richtig sein." Denn schon wieder haben wir hier einen Fall, wo ein Wort aus dem Hochdeutschen zwar bekannt ist, aber eben nicht in dieser zusätzlichen Bedeutung. Schade, dass ihm keiner sagt: "Doch, das ist genau richtig." Denn in der gesprochenen Sprache sollte eine Regel gelten: Richtig ist, was die Gemeinschaft der Sprecher als richtig ansieht. Und da reicht es auch, wenn diese Gemeinschaft nur die Bevölkerung eines Dorfes ist. Das Ergebnis ist Vielfalt, die wiederum Anlass zum Vergleichen, Nachdenken und auch Amüsieren gibt. Und wo kämen wir hin, wenn wir, außer dem Wetter, keinen unverfänglichen Gesprächsstoff mehr hätten?

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