Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Mäschli, Muschle, Schlupf und Lätsch - Die Schleife (Umfrageergebnis)

Ist in Südbaden von der "Schleife" die Rede, stehen dem Mundartkundigen mehrere Worte zur Verfügung. Wo man von einem Schlupf spricht und wo eher von einem Mäschli, wurde in der BBZ-Umfrage geklärt.

Als in Freiamt einmal vor vielen Jahren ein Lehrer seine Klasse aufforderte, das Zeitwort "binden" in die verschiedenen Zeiten zu setzen, meldete sich ein kleines Mädchen und sagte: "binden, bonden, Lätsch". Obwohl sie meinte, mit dem letzten Wort das genannt zu haben, was herauskommt, wenn der Vorgang "binden" abgeschlossen ist, hatte die Schülerin damit nicht ganz ins Schwarze getroffen, denn der Lehrer wollte "binden, band, gebunden" hören. Wenn sie aber bei unserer Umfrage mitgemacht hätte, hätte sie damit ein Wort genannt, das mit der gesuchten "Schleife im Haar" gemeint war und damit vielen BBZ-Lesern helfen können, die hier nicht recht wussten, auf was diese Frage eigentlich abzielte. Möglicherweise ist der hilfreich gemeinte Hinweis mit den Haaren der Grund dafür gewesen. Denn, wenn es nicht üblich ist, eine Schleife im Haar zu tragen, muss man ja mit Bändel, Zopfbändel oder gar Spängerli antworten, wie es häufig vorgekommen ist. Erschwerend kommt dann noch dazu, dass auch bei diesem Wort sachliche Unterschiede eine Rolle spielen. Denn wie einige Leser schrieben, können verschiedene Schleifen unterschiedlich benannt werden. So sagt man in Höchenschwand zu der Schleife auf dem Schuh Schlickch, während die Schleife im Haar ein Schlupf ist. Und auch die Tatsache, dass oft mehrere Benennungen aus ein und demselben Ort eingeschickt wurden, deuten an, dass es bei diesem Wort mit der sicheren Zuordnung von Wörtern zu Gebieten nicht ganz einfach ist.

In gewissem Maße kann dies auch an der nebenstehenden Karte abgelesen werden. Es konnten hier nur tendenzmäßig Gebiete ausgewiesen werden, wo die genannten Begriffe deutlich in der Überzahl waren. Das bedeutet aber nicht, dass in diesen Gebieten nicht auch andere Bezeichnungen für "Schleife" bekannt sind. In einem großen Teil von Südbaden konnte noch nicht mal diese Überzahl festgestellt werden. Deshalb wurde dort auf die Ziehung von Grenzen verzichtet und punktuell ein Begriff eingetragen, der in dieser Region öfter genannt wurde. Das ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass es in unserem Gebiet zahlreiche Namen für "Schleife" gibt, eine Vielfalt, die sich auf jeden Fall sehen lassen kann.

Schleife in Südbaden

Häufig genannt wurde die Masche, in der Ortenau verkürzt zu Masch und an vielen Orten auch in der Verkleinerung Mäschli. Seltsamerweise hat sich da vielerorts ein "r" dazwischen geschoben und so aus dem Mäschli ein Märschli gemacht. Vielleicht hatte da ein ähnliches Wort produktiv gewirkt, weil man darauf so gut reimen kann, denn wunderbar passt das Märschli zum Ärschli. Möglicherweise gilt aber auch hier, dass das dialektale Wort ohne stützende Wortfamilie ziemlich auf sich allein gestellt war und lautliche Veränderungen so leichter möglich waren. Zwar ist das Wort verwandt mit der hochdeutschen Masche, die man vom Stricken kennt und die eigentlich ja auch eine Schleife ist. Aber wahrscheinlich ist der sachliche Unterschied zu groß, als dass man es damit in Verbindung gebracht hätte. Denn immerhin hat die Masche noch weitere Varianten aufzubieten. Besonders im Markgräflerland wurde häufig Maschle mit der Verkleinerung Mäschili genannt und in Achkarren, Mengen und Wolfenweiler kennt man auch die Muschle.

Auch der Schlupf erfreut sich mit seinen Brüdern und Schwestern einer großen Wortfamilie. In Rheinbischofsheim ist der Schlopf daheim, in Burkheim kennt man die Schleipfe und in Jostal und Mundelfingen spricht man von derSchlaupfe. Dies sind dialektale Weiterbildungen von den ebenfalls häufig genannten Wörtern Schleife und Schlaufe, die auch im Hochdeutschen vorkommen. Wahrscheinlich hat da das Zeitwort schleifen, das in der Mundart ja als schleipfen bekannt ist, ein bisschen Pate gestanden, während beim Schlupf doch ziemlich sicher eine Ableitung zum Zeitwort schlüpfen in Frage kommt.

Wo ist nun aber das eingangs erwähnte Wort Lätsch zu finden? Würde am Ende unsere Schülerin hier doch daneben liegen? Ganz bestimmt nicht. Das Wort wurde mehrfach genannt, aber eben im ganzen Gebiet verteilt. Vielleicht spielt der Lätsch, der übrigens vom italienischen laccio für Schlinge herrührt, deshalb keine so große Rolle mehr, weil er inzwischen in seiner übertragenen Bedeutung viel bekannter ist. Denn wer kennt nicht den Ausdruck e Lätsch ani drucke, was bedeutet, dass man den Mund so verzieht, dass er das Aussehen einer Schleife erhält. In dieser Ausprägung findet man die Schleife jedoch meist nicht mehr so schön und man überlegt sich zwei Mal, ob eine kunstvoll hergerichtete Verzierung auf einem Geschenk tatsächlich mit diesem Wort bedacht werden sollte.

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