Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Micki, die nichts mit der Maus zu tun hat - Die Bremse am Leiterwagen

Kaum ein Gerät in der Landwirtschaft wurde über die Jahrhunderte so zur Vollkommenheit weiterentwickelt wie der Wagen, der von Pferden oder Kühen gezogen im Jahreskreislauf vielfältig eingesetzt werden konnte. Mühelos konnte er im Winter platzsparend verstaut werden, weil er anders als ein moderner Ladewagen mit wenigen Handgriffen in seine Einzelteile zerlegt werden konnte. Brauchte man ihn im Frühjahr als Mistwagen, wurde er relativ schnell für diese Aufgabe hergerichtet. Später wurde er zum Heu- und Erntewagen umfunktioniert und im Herbst schließlich diente er als Transportmittel für Kartoffeln und Rüben. Aber so ausgereift er in seiner Funktionalität auch war, eine Sache war mit Sicherheit nicht kinderleicht zu bedienen, und das war die Bremse. Einen vollen Heu- oder Holzwagen in abschüssigem Gelände sicher nach Hause zu bringen erforderte den gesammelten Sachverstand einer erfahrenen Person, die genau wusste, was sie tat, wenn sie die Micki, Striichi oder Sperri, je nach örtlichem Sprachgebrauch, bediente.

Ein ungewöhnliches Wort ist dieses Micki. Während man sich unter Sperri oder Striichi doch einigermaßen  etwas vorstellen kann, weil man es mit den Zeitwörtern 'sperren' oder 'streichen' zusammenbringen kann, fehlt bei Micki eine solche Anbindung an ein entsprechendes Wort völlig. Noch rätselhafter wird der Fall, wenn man erfährt, dass in einem kleinen Gebiet zwischen Offenburg und Freudenstadt diese Vorrichtung Wicki genannt wird, während einige Leute auf der Höri und der Reichenau steif und fest behaupten, es würde sich bei der Bremsvorrichtung am Wagen eigentlich um eine Bickeni handeln. Und ganz geheimnisvoll wird es, wenn nun auch noch aus Stockach gemeldet wird, dass man es dort mit einer Lickeni zu tun hat und einige Orte um Meßkirch nichts anderes als eine Wickeni kennen wollen, sowie südlich davon in einigen Orten Mickeni gilt. Wie ist so etwas möglich?

die Bremse am Bauernwagen in Südbaden

Etwas Licht ins Dunkel können hier nur die Mundartsprecher entlang des Rheins südlich von Breisach bis nach Säckingen bringen. Dort, wie auch im Elsässischen, spricht man nämlich im Zusammenhang mit der Bremsvorrichtung am Wagen von der Mechanik, Michanik oder Mechani. Dieses Wort ist, wenn auch nicht einheimisch, so doch wohlbekannt und wird auch heute noch überall dort angewendet, wo es um Kräfteübertragung bei Maschinen geht. Zwar sind die Wurzeln des Wortes im Griechischen zu suchen, im Fall der Micke mit all ihren Spielformen liegt die Sprache, die direkt als Spender in Frage kommt, aber etwas näher: Es handelt sich um das Französische. Das ist deshalb zu vermuten, weil die Franzosen nicht Mechanik, sondern Mekanik mit der Betonung auf der letzten Silbe sprechen, und das wiederum erklärt, warum es letztendlich zur Micki, Micke, Mecki, in der Ortenau auch nur einsilbig zu Mick, Meck oder gar Muck, und ähnlichem kommen konnte. Weil der Dialekt in der Regel eine rein gesprochene Sprache ist und die schriftliche Fixierung eines Wortes in der Vergangenheit so gut wie keine Rolle gespielt hat, konnten nämlich Wörter, die fremdartig und relativ einsam waren, weil sie nicht auf eine stützende Wortfamilie zurückgreifen konnten, schnell abgeschliffen und dem dialektalen Sprachgebrauch angeglichen werden.

Besonders eindrücklich ist dies an den vielen Namen zu sehen, die in den Dialekt eingebettet wurden. Aus  Magdalena wurde Madlee, aus Elisabetha Lisbeth und aus Susanne beispielsweise Züs. Und so wurde aus der Mekanik die Micki und die wiederum entwickelte sich in einigen Fällen noch weiter zur Wicki, Bickeni oder Lickeni. Warum dies im Einzelfall geschehen ist, müsste noch genauer erforscht werden. Zu vermuten ist aber, dass hin und wieder ein anderes Wort beeinflussend gewirkt hatte, wie im Fall Wicki eventuell das Wort Winde, das im Zusammenhang mit der Bremse ebenfalls genannt wird.

Im Hotzenwald und Teilen des Hochschwarzwalds wollte man aber von all diesen Mechanik-­Wörtern nichts  wissen. Dort kam man seit eh und je mit der Striichi beziehungsweise dem Striicher aus. Sachlich handelte es sich wohl um die gleiche Vorrichtung, denn sowohl bei der Micki als auch der Striichi wurde ein Bremsbalken im Bedarfsfall an das Rad gedrückt, strich sozusagen am Rad entlang. Möglich ist aber auch, dass ältere Techniken des Bremsens, wie das Anhängen eines Bremsklotzes, der am Boden entlang streicht, einfach namentlich auf die neuere Technik übertragen wurden. Das könnte auch bei der Sperri so sein, denn eine ältere Technik des Bremsens, die manchmal sogar zusätzlich zur Micki benutzt wird, ist das Sperren eines Hinterrades mit Hilfe einer Sperrkette, eines Sperrhunds (eine Art Radschuh) oder eines Sperrknüppels. Auf jeden Fall trägt die Sperri das, was sie tut, offenkundig in ihrem Namen: Sie sperrt ein oder mehrere Wagenräder und verhindert so, dass der Wagen auf eigene Faust den Heimweg sucht.

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