Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Woraus die Seele ihren Atem schöpft - Einführung zur Dialektserie in der BBZ

Für einen Großteil der ländlichen Bevölkerung im Einzugsbereich der Badischen Bauern Zeitung ist es glücklicherweise auch heute noch eine Selbstverständlichkeit, zu der man sich bekennt: Mir schwätze alemannisch mitenander. Wenn man in dieser Sprache aufgewachsen ist und in der ganzen Umgebung so gesprochen wird, liegt ja auch nichts näher, als so zu reden, wie einem der Schnabel gewachsen ist.

Doch ganz schnell wird an dieser Selbstverständlichkeit immer wieder gekratzt: Es kann passieren, dass da ein Übergescheitle daherkommt, sich lustig macht und das Dialektsprechen gar für ein Anzeichen von Ungebildetheit oder für eine "verderbte" Hochsprache hält. Und schon lassen sich viele in seiner Gegenwart verunsichern, wechseln ins Hochdeutsche und finden plötzlich auch, dass ihre Kinder Nachteile in der Schule haben, wenn sie Dialekt sprechen. Dabei ist der Mangel an Bildung vielleicht gerade bei diesem kecken Herausforderer zu suchen, denn der Dialekt ist keineswegs ein verderbtes Hochdeutsch. Er war schon lange vor der gemeinsamen Hochsprache da und hat eigene Grammatikregeln sowie ein in sich stimmiges Lautsystem. Selbst große Dichter, wie Johann Wolfgang von Goethe, haben die Dialekte geschätzt und erkannt, was sie zu leisten vermögen. "Jede Provinz liebt ihren Dialekt, denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft", sagte Goethe und meinte damit in erster Linie, dass es kaum etwas gibt, was so wie die Muttersprache Heimat und Vertrautheit geben kann. Er wusste sicher aber auch, dass die sich damals immer mehr durchsetzende Standardsprache in den Dialekten wurzelte, sozusagen ein Kind vieler Dialekte war, das von den einzelnen Vorfahren unterschiedlich viel mitbekommen hat. Einige spielten dabei nur noch als ferne Verwandte eine Rolle, wie das Plattdeutsche oder aber auch das Alemannische.

Wenn ein Kind also sowohl Alemannisch als auch Hochdeutsch, zum Beispiel durch Vorlesen, Fernsehen oder Kontakt mit Fremden lernt, ist das fast so, als würde es zweisprachig aufwachsen. Und dass Kinder, die mühelos zwei Sprachen erlernen können, dadurch eher eine Horizonterweiterung als eine -einschränkung erfahren, bestreitet heute kaum jemand. Dialektbedingte Fehler in der Schule können natürlich vorkommen. Ihnen kann der Lehrer aber ebenso mit geeigneten Übungen begegnen, wie etwa Rechenschwierigkeiten, während daneben der Vergleich zweier Sprachen eine Schärfung der sprachlichen Wahrnehmung herbeiführen kann.

Aber Alemannisch, was ist das eigentlich und warum nennt man unseren Dialekt so? Jeder Dialektsprecher weiß, in Lörrach spricht man anders als am Bodensee und im Hochschwarzwald will man kaum etwas mit der Sprache aus der Ortenau gemeinsam haben. Das stimmt natürlich in gewissem Maße, geringfügige Unterschiede sind ja schon im Vergleich mit Nachbarorten auszumachen. Bis wohi geht der Nebel?", ist eine beliebte Frage, um diese Unterschiede zu demonstrieren. Die Antwort ist bekannt, sie muss zum Beispiel für einen Schwarzwälder aus dem Elztal lauten: Bis uf Denzlinge, ab dert isch de Nabel.

Dennoch gibt es markante lautliche Phänomene, die es erlauben von einer gemeinsamen Sprache, dem Alemannischen, zu sprechen. So ist das Alemannische einer früheren Sprachstufe, dem Mittelhochdeutschen, ähnlicher als das Hochdeutsche. Denn im ausgehenden Mittelalter setzte von Kärnten aus ein Sprachwandel ein, der einen Keil mitten in das deutsche Sprachgebiet trieb und die Sprache in diesem Gebiet veränderte. Auch dort, wo später die Wiege des Hochdeutschen stand, nämlich im Sächsischen (vgl. nebenstehende Karte für den Fall Huus/Haus). Wo man vorher IisLüte und Huus sagte, fing man an, von Eis, Leute und Haus zu sprechen. Gleichzeitig änderte sich Krueg, trüeb und li-eb in Krug, trüb und lieb. Im einen Fall wurden nun also lange Vokale (Selbstlaute) in Zwielaute geändert, während auf der anderen Seite Zwielaute in lange Vokale verwandelt wurden. Das Alemannische dagegen hat den alten Lautstand bewahrt und das gilt als sein Erkennungsmerkmal. Dazu kommen noch weitere lautliche Besonderheiten, aber auch Eigenheiten im Wortschatz. Hier wäre zum Beispiel das Wort Zischtig zu nennen, das als Kennwort des Alemannischen angesehen wird, denn drumherum gelten andere Wörter, wie "Dienstag", "Ertag" oder "Aftermontag".

Die Bezeichnung Alemannisch für diesen Dialekt ist allerdings noch nicht sehr alt. Sie wurde von der Sprachwissenschaft eingeführt in Bezug auf den germanischen Volksstamm der Alemannen, der sich zu Völkerwanderungszeiten aus dem Elbe-Saale-Gebiet kommend in unserer Region angesiedelt hatte. Dass sich die Bezeichnung mehr und mehr durchsetzte, ist in erster Linie Johann Peter Hebel, dem Pfarrer und Dichter aus Hausen im Wiesental, zu verdanken. Er veröffentlichte im Jahre 1803 seine "Allemannischen Gedichte". Auf diese Bezeichnung war er wohl aufmerksam geworden, weil er Gemeinsamkeiten seines Dialektes mit einem altdeutschen Volkslied entdeckte, das ihm unter dem Namen "Alemannischer Gesang zum Lobe der heiligen Jungfrau" begegnete. Sicher nicht ganz unbeteiligt daran, dass der Begriff immer populärer wurde, ist in jüngerer Zeit die Muettersproch-Gsellschaft, die sich seit über dreißig Jahren für den heimischen Dialekt engagiert und mit ihrem Aufkleber Bi uns kammer au alemannisch schwätze viele Menschen erreichte.

Die Bildung eines solchen Vereins für die Erhaltung der Mundart zeigt, dass in dieser Frage Handlungsbedarf bestand und heute auch noch besteht. Zwar hatten Sprachschützer schon immer Befürchtungen gehabt, dass die Dialektvielfalt zurückgeht und vor allem den allgemeinen Sprachwandel als verderblich angesehen. Dabei haben sie aber nicht bedacht, dass es ein Zeichen von Lebendigkeit ist, wenn die Sprache sich weiterentwickelt. Wörter wieHailiecher (ein Haken, um Heu aus dem Heustock zu ziehen) verschwinden, weil damit nicht mehr gearbeitet wird. Dafür entwickelte man im Dialekt neue Wörter für neue Dinge, wie Gfrieri für die heute auch schon wieder verschwundenen Gemeinschaftsgefrieranlagen oder Druckliecht für die Taschenlampe.

Heute ist jedoch durch die zunehmende Mobilität und durch die Massenmedien, die auch den letzten Winkel im Land erreichen, eine wirklich ernstzunehmende Gefahr für den Dialekt entstanden. Die örtlichen Besonderheiten schleifen sich mehr und mehr ab. Spezielle dialektale Ausdrucksweisen, wie s denkt mer noch ("ich erinnere mich") oder ich gang go Moscht hole ("ich gehe Most holen"), weichen mehr und mehr den hochsprachlichen Entsprechungen. Und in den Städten verliert der Dialekt spürbar an Einfluss.

Da wird es Zeit, dass man sich bewusst macht, was das Alemannische für Schätze in sich birgt. Denn welche Vielfalt und welcher Reichtum in unserer Sprache steckt, ist durchaus verblüffend. Man muss sich das nur einmal genauer anschauen. In der neuen BBZ-Serie wollen wir uns deshalb diesem Thema widmen.

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