Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Das Wetter zwischen Hornissen und Erbsen - Redewendungen zum Wetter

Ein Satz, wie Also nai, hit saichts wider emool in ai Loch nii, belegt die auch im Alemannischen verbreitete Neigung, den Vorgang des Regnens mit dem Urinieren zu vergleichen. Nun wird dies aber keineswegs bei einer gefühlsmäßig unbeteiligten Feststellung gesagt. Im Gegenteil, es ist hier eindeutig ablesbar, dass der Regen nicht erwünscht ist. Das gilt ebenso für das auch aus der Umgangssprache bekannte schiffe, das aber gleichsam in der Mundart daheim ist, denn es wurde schon 1919 in Ettenheim gehört. Daneben wird mit saiche oder schiffe aber auch ein gewisser Stärkegrad des Regens bezeichnet, der durch den Zusatz in ai Loch nii (in ein Loch hinein) noch unterstrichen wird: Es handelt sich dabei nämlich um gleichmäßigen, unaufhaltsamen Dauerregen. Wer hier nicht zu solch drastischen Worten greifen will, kann allerdings auch sagen s bindfädelet, wenn ihm das im Alemannischen ebenfalls übliche s regnet zu wenig gefühlsbetont ist.

Handelt es sich dagegen um einen Regen, der nur ganz leicht ist, steht dem Mundartsprecher ein hervorragendes Wortbildungsmittel zur Verfügung: Durch das Anhängen von ele kann er selbst Zeitwörter "verkleinern" bzw. abschwächen. Es regnet dann nicht mehr, sondern regelet; es saicht nicht, sondern saichelet. Natürlich muss man sich hierbei immer noch andauernden Niederschlag vorstellen, wogegen man vom gerade beginnenden Regen, wenn die ersten Tropfen fallen, vom spritzle spricht.

Am anderen Ende der Skala steht dagegen der heftige Regenguss, für den es im Alemannischen eine Reihe von Bezeichnungen gibt, die von Ort zu Ort variieren können. Nach Weltuntergangsstimmung hört sich das relativ verbreitete s macht ra bzw. weiter im Süden s macht abe an, das verwendet wird, wenn dunkle, schwere Wolken plötzlich regnen, was das Zeug hält. Daneben können aber auch lautmalerische Bildungen, wie s blätscht, s datscht oder s bfledderet herangezogen werden. Wie im Hochdeutschen liegt es auch in der Mundart nah, bei heftigem Regen an das Ausschütten aus großen Gefäßen zu denken: s küblet kann man da hören oder in Amoltern und Umgebung: s schittet wiä mit Ergili. Bei einem Ergili handelt es sich nicht etwa um eine kleine Orgel, sondern um einen vor allem als Lesegefäß für die Weinernte bekannten Behälter, wobei das Wort aus dem lateinischen 'orcula' für "kleine Tonne" abgeleitet werden kann.

Doch nicht immer tritt der Regen alleine auf. Ist sein Kumpane der Wind, sagt man in Freiamt Jeds goht e richtige Staiber durch. Wenn dazu allerdings noch Schnee kommt, spricht man um Lörrach herum vom hurrle oder hürrle, während man in Nordbaden eher hört s gowetlt, was vorsichtig gedeutet mit 'jähwettern' übersetzt werden kann. Weit verbreitet ist im südlichen Baden dafür das Wort hornussere, hornusse, hornussle oder hornigle. Besonders bei den ersten Beispielen ist die Vorstellung von den schmerzenden Stichen einer Hornisse maßgeblich an der Wortbildung beteiligt gewesen, während bei hornigle die Herkunft des Wortes nicht eindeutig zu beantworten ist. Zumindest in der Vorstellung der Sprecher spukt da auch ein stachliger Igel herum, vor allem, wenn bei dieser Wetterlage noch Hagelkörner ins Spiel kommen. Die können vielerorts aber auch mit Erbsen verglichen werden oder zum Schwäbischen hin mit Zickleinkot, wenn man bei Hagel sagt  s erbselet oder s gitzebonelet.

Überhaupt keinen Niederschlag hätte es aber am Samstag, wenn man dem weit verbreiteten Spruch trauen könnte: Hitt rägnets nit, s Bettelmaidli will s Hemm druckne.

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