Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Kiigeli, Chluggere, Dutzerli, Rübling - Hauptsache es gruugelet - Die Murmel (Umfrageergebnis)

Ähnlich wie beim Bibbeli zeigt sich bei der kleinen Spielkugel aus Marmor, Glas oder Ton ein mehrschichtiges Bild, wozu hier noch sachliche Unterschiede kommen, die zum Teil gemacht werden. Da ist es mancherorts bedeutend, aus welchem Material die Kugel ist oder welche Größe und damit Stellenwert im Ensemble sie hat. Da die Frage jedoch zu allgemein gestellt war, müssen diese Unterschiede hier größtenteils ausgeblendet werden. Erwähnenswert sind aber die Erdekiigeli (Dörlinbach und Grafenhausen) und Erdegruugeli (Niederhausen), deren Name auf ihre tönerne Eigenschaft hindeutet und die selbst hergestellten, rätselhaften Grapüller aus Friesenheim. 

Murmel in Südbaden

Ein überraschendes Bild ergibt sich, wenn die verschiedenen Schichten der Lesermeldungen betrachtet werden. Es scheint sich bei der Murmel nämlich in erster Linie um ein städtisches Spielzeug gehandelt zu haben, das erst spät seinen Weg aufs Land, zumindest in Gegenden mit Streusiedlung, wo Kinder nicht so einfach zum Spielen zusammenkommen konnten, gefunden hat. Dies zeigt sich daran, dass das aus der Hochsprache gekommene Murmel, der Mundart angepasst als Murmle, zwar flächendeckend aus dem ganzen Gebiet gemeldet wurde, sich im Schwarzwald aber nicht, wie in den städtischen Zentren, darunterliegende sehr lokale Bezeichnungen festmachen lassen. Allenfalls noch das allgemeine Kiigeli (‚Kügelchen‘) oder ein paar verstreuteGligger oder Glugger, immer natürlich auch in der Verkleinerung, sind da auszumachen.

Im Rheintal sieht das Bild dagegen anders aus. Dort gibt es unterhalb der Murmle-Schicht unverkennbare Gebiete, von denen das größte das Markgräflerland bietet, wo man zur Murmel Chlugger, Chluggere, Chlügger, aber auch sehr häufig Glugger sagt, selbst in Regionen, wo k im Anlaut immer als ch ausgesprochen wird. Dass dies kein Versehen der Einsender ist, wird an Meldungen wie Gluggerchügeli aus Schwörstadt deutlich. Selbstverständlich zählen zu diesen Formen auch  die Verkleinerungen, also Chlüggerli, Chliggerli, Gluggerli, Glüggerli und Gliggerli. Allerdings dünnen die Belege am Ostrand des ausgewiesenen Gebietes langsam aus, der Übergang zum restlichen Schwarzwald macht sich da schon bemerkbar. Innerhalb des Chlugger-Gebietes gibt es dann noch einmal ortsspezifische Meldungen, wie die Dutzchugel oder das Dutzerli aus Wehr oder der Dötscher aus Haagen und Hauingen. Auch in Eichen, Langenau und Schopfheim gibt es eine eigene Tradition. Dort spielte man mit dem Böller. Noch viele solcher ortsspezifischen Namen ließen sich anführen. Stellvertretend dafür kann aber nur noch das Päskiigeli aus Hochstetten bei Breisach genannt werden. Nur in Breisach komme diese Bezeichnung vor, wurde schon in den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts berichtet, wobei sein Name auch heute noch nicht eindeutig geklärt werden kann.

Das Gruugeli, das ebenso wie das Kiigeli einen eher allgemein gehaltenen Namen hat, kommt es doch von gruugele (‚kullern‘), kann im Gegensatz zum Kiigeli ein eigenes Gebiet vorweisen. Ganz massiv tritt es nämlich am Kaiserstuhl auf und gruugelet bis vor die Tore von Freiburg.  Dort wird es entschieden gestoppt, denn in Freiburg spielten die Kinder mit dem Ribling, was 50 von 79 Einsendern aus Freiburg (ohne Stadtteile) mitteilten. Dazu kommen zahlreiche Meldung aus der näheren Umgebung. Eine weitere Ribling-Hochburg ist in Waldkirch und Kollnau auszumachen. Dort scheint das Wort aber lang ausgesprochen zu werden, denn viele Leser schrieben ausdrücklich Riibling. BeimRibling handelt es sich um ein ausnehmend interessantes Wort, denn Nachforschungen ergaben, dass hiermit ursprünglich der Würfel bezeichnet wurde. Als "Rübling" taucht er in der Literatur immer wieder auf und gehörte auch zum Wortschatz des Rotwelschen, wie die deutsche Gaunersprache genannt wird. Das Wort geht auf das althochdeutsche Wort "ruoba" zurück, was ‚Zahl, Aufzählung‘ bedeutet. Über den Würfel, bei dem es ja um Zahlen geht, hat sich dieses Wort also bis auf den heutigen Tag behauptet, wenngleich die Bedeutung der kleinen Spielkugel langsam verblasst.

Aber auch in und um Lahr, sowie in einem kleinen Gebiet nördlich von Offenburg, gibt es ein eigenes Wort: Schneller oder Schnellerli, ein Wort, das zusammen mit Ritscherli (‚Feldsalat‘) als Kennwort für die Gegend um Lahr gelten kann.

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