Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Ein Päckli Owidumm oder Kochleffelsome - Redewendungen zu Neckereien für Leichtgläubige

Weil es Dinge gibt, die es überhaupt nicht gibt, tappen Heranwachsende manchmal in unverschämte Fallen. Zumindest wurden früher Kinder und Leichtgläubige zu bestimmten Gelegenheiten gerne mit dieser widersprüchlichen Tatsache konfrontiert, zum großen Spaß der Eingeweihten, also denen, die selbst höchstwahrscheinlich einmal Opfer solchen Schabernacks geworden waren. Der 1. April ist so ein Datum, das sich da wie von selbst anbot. Do hesch zeh Pfennig, hol mr ä Päckli Owidumm wurde das hilfsbereite Kind aufgefordert, das nur eine Chance hatte, dem Schwindel auf die Spur zu kommen, wenn es durch das Gekicher der Umstehenden mißtrauisch wurde. Denn vordergründig klingt Owidumm oder das ebenso gängige Obinichsodumm oder Ibidumm bei einer verhüllenden Aussprache durchaus ernsthaft. Wenn das Kind dazu noch in die Apotheke geschickt wurde, wo die wunderlichen Sachen sowieso alle so geheimnisvoll klingen und nicht selten wegen ihren lateinischen Namen auf -um enden, widersprach zunächst nichts der Ernsthaftigkeit des Auftrags. Dasselbe gilt auch für die Abwandlungen Ochsdarum oder Ochsdrehdichum. Je länger allerdings der Name ist, umso wahrscheinlicher wird es, dass die unlautere Absicht entdeckt wird. Das gilt besonders für den monströsen Artikel Grattelanderwandnauf ('Kletter an der Wand hinauf'). Und auch die Aufforderung, Haumichblau zu besorgen, war sicher nur bei ganz Naiven erfolgreich.

Ein gewisses Weltwissen muss man allerdings bereits erworben haben, wenn man dem Auftrag  Entenmilch oder Storchenmilch zu besorgen, entschieden entgegnen kann: Des gits doch gar nit. Auch Mucke-, Schnake- oder Schneckefett gehört in die Kategorie der Dinge, die von der Natur einfach nicht vorgesehen sind. Doch die Liste an spaßigen Dingen ist damit noch lange nicht erschöpft. Auch im Bereich der Sämereien gibt es einiges, was bei genauem Hinsehen nie und nimmer aufgehen kann. Oder hat schon jemals einer Kochlöffel geerntet, die sich zuvor aus Kochleffelsome entwickeln sollten? Ganz kurios ist auch der Setzölsome, dicht gefolgt vom Krutstumpesome ('Krautstumpensamen').

Nicht nur zum 1. April, sondern auch dann, wenn der Abschluss einer besonderen Arbeit auf dem Bauernhof, beispielsweise das Dreschen, den Übermut beflügelte und ausgelassene Feierstimmung aufkam, musste zur allgemeinen Belustigung noch etwas ganz Besonderes sein. Die Obertescharre, an manchen Orten im Breisgau auch die Oberkratzete, musste vom Nachbarhof geholt werden und geschickt wurde natürlich der, der nicht wusste, dass es so ein Gerät gar nicht gibt. Da half es auch nichts, wenn er wusste, was die Oberte ist, nämlich der Platz in der Scheune, wo die Garben vor dem Dreschen gelagert wurden. In Nordbaden, wo die Oberte nicht bekannt ist, wurde in diesem Fall dagegen der Hebhaken oder der Hebträmel benötigt, wobei es sich bei einem Trämel um ein weit verbreitetes, auch im Südbadischen bekannten Wort für 'Balken' oder 'Bengel' handelt. War man dagegen beim Mistfahren an das nahende Ende der Arbeit gekommen, konnte es passieren, dass dringend noch die Mischdschere gebraucht wurde. Und zum Abschluss der Heuernte fehlte oft die Heusperre, ein absurdes Gerät, wenn man bedenkt, dass Sperre 'Bremse' bedeutet.

Brav tippelte dann ein Unbedarfter zum Nachbarhof, wo er entweder gutmütige Menschen antraf, die ihm eine Schleckerei mitgaben, oder aber solche, die das derbe Spiel zu Ende spielten und ihm in den mitgebrachten Sack allerlei Gerümpel packten, das bei den Wartenden dann unter Gejohle ausgepackt wurde.

© www.scheer-nahor.de - Friedel Scheer-Nahor