Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Der Propellerstecher, der ein Augenbohrer wurde - Die Libelle (Umfrageergebnis)

Obwohl viele Leserinnen und Leser beim mundartlichen Namen für die Libelle passen mussten - es gab 344 Fehlmeldungen -, kam bei der BZ-Mundartumfrage doch eine beachtliche Menge an Bezeichnungen zusammen, die es sogar ermöglichte, auf der Karte bestimmte Gebiete auszuweisen. Deutlich kristallisierte sich heraus, dass die Wasserjumpfere eher im Süden zu Hause ist, während im Breisgau und der Ortenau überwiegend die Deifelsnoodle zu finden ist. Nicht selten wurde jedoch die Wasserjumpfere auch in diesem Gebiet genannt, besonders am Rhein entlang von Jechtingen bis Kappel und im Dreisamtal.

Doch das ist beileibe nicht alles, was den Leserinnen und Lesern eingefallen ist. Etwa sechzig verschiedene Bezeichnungen, viele davon nur einmal genannt, zeugen nicht nur von der Vielfalt, die in der Mundart steckt, sondern zusätzlich von den unterschiedlichsten Motiven, die bei der Benennung eine Rolle gespielt haben. Denn das durch seine Farbe und Gestalt auffallende Insekt, dem nicht selten gefährliche Eigenschaften zugeschrieben wurden, hat von jeher die Phantasie des Betrachters beflügelt - eigentlich bis heute, wie sich noch zeigen wird. 

Libelle in Südbaden

Da ist als erstes der lange, schmale Körper zu nennen, der an eine Nadel erinnert, eine Vorstellung, die von dem Hin- und Herschießen der Libelle, das als ein Nähen empfunden worden ist, noch gestützt wurde. Seinen Niederschlag fand dies in Bezeichnungen wie Deifelsnoodle, sowie in Bachnoodle (Buggingen), Hornisnoodle (Eschbach), Eelnoodle (Sasbach) und in den öfter genannten Wassernoodle, Giftnoodle und Hexenoodle. Aber auch die Vorstellung von einem Nagel ist möglich, wie der Deifelsnagel aus Opfingen zeigt. In Wieden fühlt man sich dagegen mehr an einen Pfannestiel erinnert. Auf jeden Fall sagte man der Libelle unberechtigterweise schmerzhaftes Stechen nach, wovon Namen wie Stechschwadere (Jostal, Titisee, Neustadt), Stupfer (Günterstal) und Propellerstecher (Furtwangen) zeugen. Ein Insekt, das ebenfalls mit schmerzhaften Stichen in Verbindung gebracht wird, ist die Hornisse, von der man um Todtnau dann gleich noch den Namen für die Libelle ausgeborgt hat. In Kleinkems und Herrischried ist dies ebenfalls möglich, dort heißt sie dann Hornausle. Neben dem länglichen Unterleib der Libelle ist aber auch der große Kopf auffallend, was sich im Namen Rosskopf (Gengenbach, Hausen i. W.) widerspiegelt.

Verbreitet war früher der Aberglaube, dass die Libelle den Augen gefährlich werden konnte. Zu diesem Benennungsmotiv zählt das aus Schopfheim gemeldete Augenbohrer. Oder sollte man nicht besser gleich den ganzen Kopf in Sicherheit bringen? Der Name Hirnschiäser um Furtwangen deutet jedenfalls darauf hin.

Nun fällt die Libelle aber unbestreitbar auch durch ihre Anmut und Schönheit auf, was ebenfalls die Phantasie angeregt hat. Namen, wie Wasser-, See-, Bach- oder Deichjumpfere sind auf diese Vorstellung zugeschnitten, zumal sie auch noch den häufigen Aufenthaltsort der Libelle miteinbeziehen, während das aus Lörrach gemeldete Brutjüngferli oder das Elfli aus Kollnau nur auf die Anmut Bezug nimmt. In Oppenau steht dagegen das Schillern der Flügel im Vordergrund. Dort heißt die Libelle Schillebolde. Nicht mehr ganz so bezaubernd, aber dennoch anrührend, ist dagegen die Bezeichnung Wasserwiibli aus Ödsbach. Ob die Bezeichnung Franzosemuck aus Kiechlinsbergen ebenfalls in die Kategorie "Anmut" gehört, ist dagegen fraglich: Dachte man hier an den französischen Chic und Charme oder vertrat man die Auffassung, dass so ein außergewöhnliches, fremdartiges Geschöpf nur aus dem Ausland kommen konnte?

Natürlich sind in den Leserantworten auch eine Menge Übertragungen zu verzeichnen. Vom Schmetterling über Schniider und Bremse bis zur Schnooge wurde allerhand genannt. Dazu kommen auch Namen, die nach Gelegenheitsbildungen aussehen, wie Brummer und Brüüser. Relativ häufig wurde aber eine völlige Neubildung genannt, die einmal mehr zeigt, dass die Sprache lebt. Die Ähnlichkeit der Libelle mit einem Hubschrauber führte zu genau dieser Bezeichnung. Manchmal wurde das Wort der Mundart noch etwas angepasst: In Dörlinbach und Vörstetten kennt man Hubschruber, in Altdorf Hübschrauber und in Endingen und St. Georgen bekommt das Ganze einen verspielten Charakter: Dort sagt man zur Libelle Hubschrauberli.

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