Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Wo das Küken Bibbili, Waiseli oder Zibbili heißt - Das Küken (Umfrageergebnis)

Nicht nur zwischen Schrift-, Umgangssprache und Mundart gibt es Unterschiede. Auch in der Mundart selbst können noch einmal Schichten frei gelegt werden, was den Geltungsbereich von mundartlichen Bezeichnungen angeht. Ein Beispiel hierfür ist die Benennung für das Hühnerküken. Übergeordnet in ganz Südbaden und sogar nördlich über die alemannische Sprachgrenze noch hinaus, spricht man in diesem Zusammenhang vom Bibbili, Bibbeli, Bibbile oder Bibbele. Diese vier Varianten wurden für das gesamte Verbreitungsgebiet der BZ gemeldet. Eine wirklich eindeutige Verteilung der Endungen, ob -li oder -le, ist dabei nicht festzustellen. Allerdings kommen die -li-Formen zusammen etwa drei mal so häufig vor wie die -le-Formen und können wohl als die ursprüngliche Form gelten, denn besonders häufig sind die -le-Endungen in Städten anzutreffen. Ob für die überregionale Verbreitung des Bibbili der berühmte Bibbili(s)käs verantwortlich ist oder nicht, muss offen bleiben. Fest steht jedoch, dass dieser seinen Namen tatsächlich von den Bibbili hat, denn denen wurde der selbst hergestellte Quark als erste Nahrung vorgeworfen. Da ist es nicht verwunderlich, dass der Bibbiliskäse früher im Gegensatz zu heute nicht gerade als Delikatesse gehandelt wurde und es um Oberkirch als Korb gedeutet wurde, wenn die Auserwählte dem Werber dieses Gericht vorsetzte. 

Küken in Südbaden

Doch wer gedacht hat, die Frage nach dem  Küken im Alemannischen sei mit den Bibbili und den Bibbele erledigt, kann sich auf Überraschungen gefasst machen. Unterhalb dieser Bibbili-Sprachschicht lassen sich noch regionale Besonderheiten freilegen. Da ist vor allem das große Waiseli-, Weiseli-Gebiet südlich von Freiburg zu nennen, zu dem noch einige versprengte Waiseli-Nennungen nördlich davon kommen. Diese Bezeichnung gibt Rätsel auf, denn sowohl eine Anbindung an die Farbe "weiß", als auch an das Wort "weisen", das mit der Erklärung "geführte Schar" in Verbindung gebracht werden könnte, scheidet aus lautgesetzlichen Gründen aus. Dagegen scheint das Wort eher etwas mit 'winseln', hier im Sinne von 'einen klagenden Ton hören lassen', zu tun zu haben.

Daneben gibt es aber noch andere regionale Besonderheiten. Relativ klein ist das Gebiet, wo man zu den Küken Zibbili oder Zibbli sagt. Es umfasst nämlich nur den östlichen Teil des Breisgaus mit besonders vielen Meldungen aus Ottoschwanden und Freiamt und findet seine südliche Grenze innerhalb Freiburgs: In Zähringen und Betzenhausen hört man noch Zibbili, während man in den anderen Stadtteilen überwiegend Bibbele bzw. Bibbilisagt. Der Grund für diese Benennungen liegt wohl auf der Hand. Wer einmal gesehen und gehört hat, wie eine Kükenschar hinter der Glucke herläuft, wird sich denken können, dass sowohl Bibbili als auch Zibbili treffende lautmalerische Bildungen sind.

In Teilen der Ortenau über einen großen Teil des Kaiserstuhls hinweg bis nach Pfaffenweiler bei Freiburg begegnet uns neben dem überregionalen Bibbili außerdem das Gliggerli oder Glüggerli, das sich außerdem teilweise mit dem Zibbili-Gebiet überschneidet. Aus Wettelbrunn gesellt sich hier noch das Gluggerli dazu, von Ortenberg und Ohlsbach kommt das Gluggili und in Schmieheim und Jechtingen ist das Gligli zu Hause. All diese Formen beziehen sich auf Glugge bzw. Gluggeri, wie die Gluckhenne in der Mundart heißt. Aus dem Glüggerli, dem Kleinen der Gluggeri, wird in Gebieten wo ü zu i wird, so das Gliggerli und kommt in manchen Orten unverhofft einem ebenfalls in der Umfrage abgefragten Begriff ins Gehege, nämlich dem Klicker.

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