Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Der Ganggo ist keine Eintagsfliege - Bezeichnungen für einen gutmütigen, anstelligen Kerl (Umfrageergebnis)

Die größte Überraschung im Zuge der Auswertung der Umfrage zur Badischen Mundart, bei der mehr als 550 BZ-Leserinnen und Leser mitgemacht haben, kam bei den Antworten auf die Frage nach dem gutmütigen Helfer heraus. Erstmals konnte nämlich die Verbreitung einer mundartlichen Neuschöpfung ausgemacht werden.

Doch zunächst waren da mehr als 300 Meldungen zu Tschooli zu sichten, eine Bezeichnung, die von Offenburg bis Lörrach und vom Rhein bis über den Schwarzwald allgemein gültig ist. Als Dschooli, Dschohli, Tscholi, ja sogar als Joli wurde dieser gutmütige Mann, den man zu allen Arbeiten heranziehen kann, geschrieben. Besonders die englische Schreibweise mit J zeigt deutlich: Hier hat der mit der deutschen Rechtschreibung Vertraute ein Problem, denn die Lautverbindung tsch kommt im Hochdeutschen gar nicht vor. Wohl aber im Alemannischen, wie die zahlreichen Beispiele im Bericht über die Schludde in der letzten Woche schon gezeigt haben (Tschaudel, Tschumbel usw.). Das Wort Tschumbel wurde auch in diesem Zusammenhang zehn Mal gemeldet, ist also auf Männer und auf Frauen anwendbar. Auffallend an den Wörtern mit Tsch- im Alemannischen ist, dass gerade in Bereichen der gefühlsbetonten Bezeichnungen diese Lautverbindung, die möglicherweise aus dem Alpenromanischen zu uns gekommen ist, häufig anzutreffen ist. Weil aber der gefragte Begriff stark von Gefühlsurteilen abhängig ist, sind bei den Antworten der BZ-Leserinnen und Leser weite Spannen auszumachen.

Während derTschooli, besonders wenn außerdem Zusätze wie guet oder guetmiädig gemeldet wurden, noch mit wohlwollender Sympathie rechnen kann, spiegeln eine Reihe von anderen Meldungen nur Hohn und Spott wider. Es hängt hier einfach davon ab, ob der Sprecher mehr die Hilfsbereitschaft oder aber den verurteilenswerten Tatbestand des Sich-Ausnützen-Lassens sieht. So wundert es nicht, dass relativ oft weniger prägnante Schimpfwörter, wie Daggel (Dackel), Depp, Droddel (Trottel), Simbel oder auch Waschlappe bzw. Wäschlumbe gemeldet wurden. Speziell mundartlich und weit verbreitet, ist der Doddel oder Dodo mit seinen verniedlichenden Nebenformen Doddeli, Doddli oder Doddili, mit dem oft eine einfältige Person schlechthin bezeichnet wird. Ein anderes Wort,  Dolle 'Einfältiger', das Ernst Ochs im ersten Band des Badischen Wörterbuchs im Ausstrahlungsgebiet von Straßburg dingfest gemacht hatte, wurde folgerichtig aus den entsprechenden Orten gemeldet: Schutterwald, Friesenheim und Ringsheim. Und aus dem nicht weit davon entfernten Niederhausen kommt noch der Dolla dazu.

Andere Bezeichnungen drücken dagegen mehr die Hierarchie aus, die zwischen dem, der zum Arbeiten anstellt und dem, der dieser Aufforderung folgt, besteht. In Ringsheim, Freiburg und Stetten bei Lörrach kennt man in diesem Zusammenhang den Daaglöhner, in Ohlsbach, Forchheim und Malterdingen den Knäächd oder Knaachd und aus Oberprechtal wurde ganz drastisch der Arschknechd gemeldet. Zu diesem Bereich gehört auch ein Wort, das auf den ersten Blick ganz eigentümlich anmutet: Tribeni aus Furtwangen oder Dribini aus dem Hochschwarzwald. Es handelt sich hier um den 'Trippbeni', den "dritten Knecht", also den Allerletzten.

Bestimmte Vornamen haben das Pech mit dieser gutmütigen, aber etwas beschränkten Person in Verbindung gebracht zu werden. Mehrmals gemeldet wurde der Jockel bzw. Joggili und der Hansele, beides Namen, bei denen auch in anderen Zusammenhängen, etwa als Bezeichnung für Fasnachtsnarren, der spezifische Charakter als Eigenname zurückgegangen ist. Was jedoch der ernsthafte Hermann in seiner Verkleinerung als Hermännli oder der Leo hier zu suchen haben, gibt Rätsel auf.

Ein Beweis dafür, dass die Mundart lebt - denn es kann sich bei dieser Wortschöpfung um keine Eintagsfliege handeln, immerhin wurde das Wort 31-mal gemeldet - ist der Ganggo oder, wie man in Mengen sagt, der Gonggo. Wirklich im Dialekt verwurzelt ist dieses Wort, denn nur der mit dem Alemannischen Vertraute, versteht die Satzkonstruktion, die hier zu Grunde liegt: Gang go hole oder gang go bringe, die übersetzt werden kann mit der Aufforderung 'gehe, um zu holen' oder 'gehe, um zu bringen'. Von den nur 8 % an der Umfrage Beteiligten unter Dreißigjährigen hat fast ein Viertel dieses Wort gemeldet. Der Rest kam aus der Gruppe der zwischen 30- und 60-Jährigen, die bei der Gesamtumfrage 55 % ausmachten. Nur eine Person über 61 Jahre meldete Ganggo. Beachtenswert ist das Verbreitungsgebiet, das von Lörrach bis fast nach Freiburg reicht und dank der überwältigenden Bereitschaft der BZ-Leser, Auskunft zu geben, erstmals dokumentiert werden kann. Doch nicht nur die Besonderheiten, auch die normalen Nennungen sind wertvoll. Deshalb ein großes Dankeschön an alle Leser, die bei der Aktion mitgemacht haben.

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