Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Schludde heißt an der Wiese Chutz - Bezeichnungen für eine nachlässig gekleidete Frau (Umfrageergebnis)

Was wenn diä vun de Badische Zittung wisse? Wiä mer anere Frau sait, wu uumeeglich oozooge doher kunnt?He, ä Schludde isch des, oder ischs ement ä Schlambe? Jawohl, sowohl das eine als auch das andere und noch viel mehr. Überwältigend war das einfach, was den Lesern der Badischen Zeitung zur Klärung dieser Frage eingefallen ist. Über 550 Zuschriften, zum Teil mit mehrfachen Angaben, trafen ein, und deckten in hoher Dichte ein Gebiet ab, das in seiner Ausdehnung von Offenburg bis Lörrach reicht und sich im Osten in dieser Länge bis über den Schwarzwald erstreckt. Dabei kamen zum Teil überraschende Ergebnisse zu Tage, gerade, was die Herausbildung regionaler Besonderheiten angeht.

Nicht überraschend, aber dennoch in ihrer Angabe wertvoll, weil damit Aussagen über die Verbreitung des Gebietes gemacht werden können, waren die Meldungen Schludd(e) und Schlamb(e) (in vielen verschiedenen Schreibweisen) für die unordentlich gekleidete Frau. Überall, mit Ausnahme vielleicht des oberen Elztals und dessen näherer Umgebung, ist die Schludd(e) bekannt, die insgesamt 239 Mal gemeldet wurde. Die Schlamb(e) steht dieser Verbreitung mit 163 Meldungen kaum nach, ist demnach überall verbreitet, wurde aber wohl, weil das Wort auch aus der Hochsprache bekannt ist, weniger als dialektal empfunden. Doch Angaben, wie Schlamberi (oder Schlomberi), Schlambigi, sowie Schlambwiib oder gar Schlammpaddlä zeigen, dass Bildungen mit Schlambe im Dialekt durchaus heimisch sind. Zum Leitwort Schlambe zählen auch die Kollektivbildungen (d. h. Zusammenfassungen mit der Vorsilbe Ge- nach dem Muster 'Busch' - 'Gebüsch') Gschlamb und Gschlomb aus Elzach, Yach, St. Märgen und St. Peter. In diesem Gebiet, wo Breg, Gutach und Elz entspringen, scheinen Kollektivbildungen überhaupt beliebt zu sein, denn von dort stammen Angaben, wie Gschläärb, Gschlapp und Gschombel. Die letzten drei Bezeichnungen vielleicht weniger, aber alle Bildungen mit Schlambe haben mit dem Wort Schludde gemein, dass wortbildend die Vorstellung von schlotternden, herumhängenden Kleidern oder Kleiderfetzen gewesen ist. Das gilt auch für eine Ortenauer Besonderheit, die sechs Mal gemeldet wurde, die Bambel, die von bampeln 'baumeln' hergeleitet werden kann. Lediglich aus Gundelfingen gesellt sich hier noch die Bamble dazu. Ganz in der Südwestecke bei Lörrach gibt es dann noch eine Ansammlung von Chluddere, eine Wortbildung, der ebenfalls die Vorstellung von zu weiter, schlotternder Kleidung zugrunde liegt.

In Freiburg und Umgebung ist die Huddle stark vertreten, die auch in den Erweiterungen Dreckhuddle und Bachhuddle auftritt. Gerade das letzte Wort führt geradewegs zur Bedeutung, es handelt sich hier nämlich um einen Lappen, der an einer langen Stange befestigt wurde und vorzugsweise dazu diente, den Backofen zu reinigen. Bei der Hüddelwell dagegen geht es um eine Garbe von verunkrautetem Getreide, deren zerzauste Gestalt die Vorlage für unsere unordentlich gekleidete Frau in Herdern abgibt. Natürlich wird auch die Vogelscheuche als Vergleich herangezogen (Vogelschüüch(e), -scheichi und Gschiiech), sowie der Besen (Bääse) oder ein Wisch (Buschlä). Mystisch wird es bei der Wädderhex, und eine modernere Bildung scheint die Hex vun Rom aus Haslach im Kinzigtal zu sein.

Wie aber steht es mit der öfters gemeldeten Angabe Gschiärr, einer weiteren Besonderheit um die Breg herum mit einem Ausreißer im Untermünstertal? Kann hier die Vorstellung von einer unmöglich „angeschirrten" Frau (gleich einem Zugpferd) Pate gestanden haben? Das ist möglich, wenngleich auch andere Assoziationen vorstellbar sind. Bei den Erweiterungen Gschirrwiib, Gschirrhex und Gschirrliesi (eine Hotzenwälder Spezialität, die auch in der Schweiz stark verbreitet ist) kann jedenfalls noch eine weitere Motivation herangezogen werden, besonders wenn man die Bezeichnung Gschirrwägele für unpassend angezogene Kinder oder Jugendliche in Ebnet dazunimmt: Hier könnte der Geschirrwagen aus längst vergangener Zeit, an dem Pfannen und Töpfe baumelnd hängen, und der vom Pferd gezogen ins Dorf gefahren kommt oder dessen Besitzerin, die fremdartig gekleidet ist, gemeint sein. Auch das Charewiib 'Karrenweib', sowie die Zigiineri bzw. Zigünere gehören in dieses Umfeld.

Natürlich ist die schlampige Kleidung nicht immer zu isolieren von der Gesamterscheinung der Person. Das spiegelt sich in einigen Meldungen wider, die wohl mehr auf die Beanstandung der Haartracht abzielen. Die Tschaudle oderTschoidle mit den Nebenformen Tschudde, Tschüddl oder Tschüddle gehört hierzu, Bezeichnungen, die alle auf eine unordentliche Frisur oder zerzaustes Haar anspielen. Auch bei der Zoddel, Zoddle, Zuddl oder Zuddle denkt man eher an ungepflegte Haare als an schlampige Kleidung. Und die Zuusl oder Züüsle kommt aus der selben Richtung. Bei der aus Todtnau und Zell im Wiesental gemeldeten Chutz, sowie der aus Grießen dazukommenden Chutzi ist der Sachverhalt nicht so einfach. Denkbar ist aber auch hier, dass die Vorstellung von wirrem oder verfilztem Haar beteiligt ist.

Mit derTschumbel, Tschamble und Tschambel dagegen, die hauptsächlich aus dem Breisgau gemeldet wurde, kommt noch ein weiterer Aspekt ins Spiel: der Gang, der entweder schief, eierig oder sonstwie auffallend ist. Zum ungepflegten Äußeren ganz allgemein könnten noch zahlreiche Einzelmeldungen angefügt werden, die aus Platzgründen aber leider wegfallen müssen. Wer also gedacht hatte, mit Schlambe oder Schludde sei das Thema erledigt, war zu früh fertig. Die Leser und Leserinnen der Badischen Zeitung hatten hier noch mehr auf Lager.

© www.scheer-nahor.de - Friedel Scheer-Nahor