Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Wenn de Günkel Günkel trinkt, ziägt's em 's Hem in de Hose zämme - Redewendungen zu schlechtem Wein und Most

Nicht immer ging es bei der Weinproduktion so üppig zu wie heute. Es gab Zeiten, da wurde das Letzte herausgepresst, was die Traube hergab. Dazu wurden oft die Pressrückstände aufgelockert und mit Wasser übergossen einige Stunden stehen gelassen, um sie dann noch einmal einer Pressung zu unterziehen. Manchmal wurde auch Zucker zugesetzt. Das Ergebnis war hier und da unter dem Namen Haustrunk bekannt, das aber nicht unbedingt als bodenständiges Wort gilt. "Im Laden verlangt man Moschtansatz, auf der Verpackung ist Haustrunk aufgedruckt, dadurch lernt man Huusdrunk sagen" wurde 1933 dem Badischen Wörterbuch aus Schopfheim mitgeteilt. In Ihringen dagegen sagte man Drinkwii 'Trinkwein', anderswo sprach man vom Dreberwii oder Dreberwasser ('Treberwein', bzw. '-wasser'), wobei letzteres darauf hindeutet, dass die Bezeichnung 'Wein' fast zu schade schien, um dieses Getränk damit zu bezeichnen. Weit verbreitet ist auch der Ausdruck 'Läurebrühe' (Liiribriäi, Luuribrüäi und ähnliches) oder einfach 'Läure' (Liire, Lüüre), ein Wort, das auf das lateinische lora bzw. lorea 'mit Wasser versetzter Wein' zurückgeht.

Wo die Qualität so sehr zu wünschen übrig lässt, ist der Weg zu abschätzigen Bezeichnungen nicht weit. Schon die Läurebrühe lässt nichts Gutes ahnen, daneben gibt es aber noch eine ganze Reihe von Benennungen, deren versteckter oder offener Hohn zum Greifen ist. Allerdings sind hier die Übergänge von dem sogenannten Haustrunk zu qualitativ einfach schlechtem, insbesondere saurem Wein, manchmal fließend. Wenn man in Tiengen vom Bempeliwii spricht, weckt dies Assoziationen zu bampele 'baumeln'. Dieses Motiv scheint beliebt zu sein bei der Benennung von minderwertigem Wein, denn in Friesenheim ist der Glunkerer zu finden, der vom relativ verbreiteten Hemdglunker noch Unterstützung bekommt. Diese Wörter gehen auf glunkere zurück, ein anderes Wort für 'baumeln' oder 'schlaff herabhängen'. Wenn sich dazu noch der Günkel gesellt, wie aus dem Markgräflerland gemeldet, ebenfalls ein Wort für minderwertigen Wein, das von einer Bezeichnung für 'sich schwingen, baumelnd schaukeln', nämlich gunkle kommt, kann nicht mehr bestritten werden, dass im alemannischen Sprachraum 'schlaff herumhängen' als verwerflich gilt, denn neben dem minderwertigen Wein sind Namen wie Glunkerer, Hemdglunker und Günkel auch Bezeichnungen für Taugenichtse oder Müßiggänger.

Doch der Erfindungsreichtum ist unermesslich, wenn es darum geht, auf humorvolle Weise auf die schlechte Qualität von Wein anzuspielen. Ganz gebildet gibt man sich am Bodensee. In Anlehnung an den aus Italien bekannten Wein "Lacrimae Christi" ('Tränen Christi'), spricht man dort nämlich vom Lacrimae Petri in Anspielung auf die Stelle in Matthäus 26, 27 "... er ging hinaus und weinte bitterlich", wenn man zum Ausdruck bringen will, dass der vorgesetzte Wein drauf und dran ist, diese Reaktion hervorzurufen. Auch der weit verbreitete Simsegrebsler, mit seinen Varianten Simsegradler und Simsegumser ist nicht viel besser. Von ihm wird nämlich oft berichtet, er sei so sauer, dass es eim s Hem in de Hose zämmeziägt ('das Hemd in der Hose zusammenzieht'). Dabei kann dieser Wein ja auch gar nicht hohen Anforderungen genügen, denn der Hauptzweck seiner Anpflanzung dient der Verschönerung der Hauswand und den Fenschdersimse ('Fenstervorsprüngen'), an denen die Pflanze hochklettert. Die Qualität der Traube ist da Nebensache.

Ganz unglaublich schlecht muss auch der Dreimännerwii sein, dessen Niveau so gering ist, dass "zwei Männer den Trinker halten müssen, dass er nicht vor Entsetzen hinfällt". Kann da der Siebemännerwii noch schlimmer sein, von dem bekannt ist, dass "sieben an einem Glas genug haben"? Wohl kaum. Auf jeden Fall lässt da die weinselige Laune grüßen, in der solcherlei humorvolle Bezeichnungen entstanden sind.

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