Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Jeder Heilige hatte seine Zuständigkeit - Bauernregeln im Alemannischen

Heilige waren früher für die einfachen Menschen keineswegs unantastbare Lichtgestalten, die nur von fern angebetet werden konnten. Im Gegenteil, sie waren die vertrauten Retter in der Not, ihnen wurden Wunder zugetraut, ja, man stand mit ihnen auf du und du. Das wird ganz besonders deutlich an den zahlreichen Sprüchen, die den Wechsel von Jahreszeiten oder markante Ereignisse im Jahr beschreiben. Da die Datumsangabe in der heutigen Form nicht üblich war, wurden solche Termine an Heiligentagen festgemacht, wobei die entsprechenden Namensgeber in rührender Weise vereinnahmt werden. Heilige Anne, treibs Gewitter von danne bittet man am 26. Juli, während am 10. August, am Tag des Heiligen Laurentius, bereits Entwarnung in Sicht ist: Lorenz, Wetter verschlänz! (zerreiß das Donnerwetter!) oder noch deutlicher: Dr Lorenz, dr hets Dunndrwetter verschlänzt sagt man, weil die Erfahrung zeigte, dass nach dem Lorenztag Gewitter seltener sind. Ist es aber bis zum Lorenztag noch nicht richtig heiß geworden, muss Bartholomäus in die Bresche springen, denn mit Bardle, Bardle schür! In vierzeh Daag is es an dir hofft man noch bis zum Bartholomäus-Tag am 24. August die richtige Hitze zur Ernte zu bekommen. Völlig gegensätzlich hierzu hält man in Meßkirch aber Bartholomäus für einen Vorboten des Winters, denn von dort stammt der Spruch Bartolomä, bringt e Grättle (einen Korb) voll Schnee.

Bevor es jedoch richtig Winter wird, fällt erst einmal auf, dass die Nächte länger werden und diese Erscheinung wird mit bestimmten Tagen verbunden. Dr Michel zünt aa, un dr Josef bloost ab heißt es, weil ab dem 29. September zu den abendlichen Arbeiten Licht gemacht werden muss, was ab dem 19. März wieder unterbleiben kann. Aber auch am Verenentag, dem 1. September, bahnt sich schon ein Wechsel an. In Breisach erinnert man sich an den SpruchVerena am Rain, trait s Zobeässe heim, der darauf hinweist, dass das Abendessen nun nicht mehr auf dem Feld stattfinden kann, weil es zu früh dunkel wird. Rätselhaft ist, dass von Verena am (Feld-)Rain gesprochen wird. Vielleicht ist der Spruch aber an einem Platz entstanden, an dem eine an einem Rain befindliche Verenenkirche oder -kapelle zum Feierabend läutete. Obwohl das Zentrum der Verenen-Verehrung in Zurzach am Rhein zu finden ist, kann es sich um den Fluss jedenfalls nicht handeln, da der Spruch auch in Meßkirch bekannt ist und Verena dort am Roi zu finden ist, und das Abendessen hoi trägt. Außerdem heißt der Fluss im Dialekt ja auch Riin oder Rii, der Reim wäre also nicht möglich. Allerdings werden im Volksmund durchaus auch hochdeutsche Sprüche zitiert, wie die folgende Weinbauernregel zeigt: St. Blas und Urban ohne Regen, folgt ein guter Weinsegen.

An Zeiten, wo die abendliche Winterbeschäftigung hauptsächlich im Spinnen in der Spinnstube bestand, erinnert der Spruch Lichtmeß, Spinne vergess un bi Tag z Nacht ess, denn an Maria Lichtmess, am 2. Februar, wurde gewöhnlich das Spinnrad in die Ecke gestellt, weil die Feldarbeit begann und draußen länger gearbeitet wurde. So bekannt war der Spruch, dass auch die spöttische Erweiterung von jedermann verstanden wurde: Lichtmeß, Spinne vergess, reiche Leit beim Tag ess, arme, wenn ses hawe.

Dass nun auch langsam wieder etwas wächst, dafür sorgt unter anderem Kunigunde am 3. März, wenn es heißt Kunigund, macht warm von unt‘. Und der Johannistag am 24. Juni ist für das Gedeihen von Kraut von großer Bedeutung: Setzt me der Chabis vor Johanni, so gitts Chabis; setzt me‘n aber drnoo, so gitts Chäbisli ist im Markgräflerland zu hören. 

An Maria Geburt am 8. September darf man dagegen an die Apfelernte denken, worauf der Spruch Marii  Geburt, bringt d Öpfel in d Hurd verweist. Und dass Studenten und Schwalben etwas gemeinsam haben, macht sich ebenfalls an diesem Termin fest: An Marii Geburt flüget d Schwalbe und d Studente furt hat man in Stockach beobachtet.

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