Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Wer Vaters Gosche Schnurre nennt, hält sein Muul - Bezeichnungen für den Mund

Dialektwörter, die es auch in der Standardsprache gibt, dort aber abwertend gebraucht werden, haben es besonders schwer, sich zu behaupten. Deshalb hört man heute oft da, wo eigentlich noch gut Dialekt gesprochen wird, anstatt Ich hab mr s Muul verbrennt eher die Äußerung Ich hab mr de Mund verbrennt. Dabei könnten die Dialektsprecher mit der Vielfalt der Wörter zufrieden sein, die es sowieso schon gibt, wenn abfällig über den Mund gesprochen werden soll. Das Muul könnte also weiter wertneutral gebraucht werden.

Besonders wenn es darum geht, das Gegenüber harsch zum Stillschweigen zu veranlassen, wird schon mal stärkeres Geschütz aufgefahren. Halt d Gosche! kann man da hören, wobei die Gosche auch durch de Schnabel, d Schnurre, d Schnätter oder d Schnauz ersetzt werden kann. Ein solchermaßen Angesprochener darf sich schon beleidigt fühlen, denn all diese Bezeichnungen sind Übertragungen von Tiermäulern und das gilt im Allgemeinen immer noch als eine Zumutung. Allerdings gibt es Abstufungen. Der Schnabel und die Schnätter sind weniger derb als die Schnurre oder die Schnauz. Sicher liegt das an den Tieren, die hier als Bildspender dienten. Vögel, denen Schnabel und Schnätter zugeordnet werden können, sind zarter und lieblicher als Säugetiere, die neben Schnurren und Schnauzen auch Goschen haben können. Dennoch kann auch hier noch unterschieden werden, wie einer heiteren Anstandsregel aus Bötzingen zu entnehmen ist: Sait me zu Vaters Gosche au Schnurre? (sinngemäß: 'Ist es möglich, dass du zu Vaters Gosche Schnurre gesagt hast?')

Doch auch die Säugetiere kommen nicht durchweg schlecht weg. Das Hasenmaul beispielsweise wird gern Meffili genannt und diese Übertragung auf den menschlichen Mund, die vorzugsweise bei kleinen Kindern angewandt wird, die gerade lernen, Brei zu essen, ist durchaus nett gemeint. Wenn das Kind dagegen ein Schniifeli macht, dann bahnt sich Ärger an, insbesondere wenn sich dies zu einer Schnüüfle oder Schnuufle auswächst. Bei einer Schnuufle wird nämlich der Mund verzogen, indem die Oberlippe nach oben und die Unterlippe nach unten gewölbt wird. Und das macht unmißverständlich klar: "So habe ich mir das nicht vorgestellt." Solche Unmutsäußerungen können jedoch noch anders bezeichnet werden. Vielerorts kann man auch einen Lätsch ani drugge. Normalerweise ist mit diesem aus dem italienischen 'laccio' herzuleitenden Wort eine Schleife gemeint, wenn sich jedoch der Mund zu dieser Form verzieht, ist es mit der Schönheit vorbei.  In der Lahrer Gegend dagegen zieht man eine Bridsch. Dieses Wort, das es in vielen Varianten, beispielsweise als Brodsch und als Brudsch gibt, wurde irrtümlicherweise wohl mit 'Pritsche' in Verbindung gebracht, einem Wort, mit dem unter anderen Bedeutungen der Sitzplatz der Handwerker auf der Stör (im Haus der Kundschaft arbeitend) bezeichnet wurde. Deshalb kann es in Diersheim vorkommen, dass ein weinendes Kind eine Bredsch macht, dass drei Schueschder droowe schaffe kennde. Anderswo hält man es sogar für möglich, dass siiwe Schuemacher Platz hätte, un jeder het noch e Gsell debii.

Welche Bezeichnungen gibt es aber für den Mund, wenn es darum geht, auf den Wortschwall aufmerksam zu machen, der aus ihm herauskommt? Natürlich ist auch hier die Gosche stark vertreten. Die Gosche kann gehen wie ä Wasserstelzearsch (hierbei denkt man an den wippenden Bachstelzenschwanz) oder sie kann mit Bettelbutter gschmiert sein (ein Hinweis auf redegewandte Bettler und Hausierer). Interessanterweise greift man hier aber auch auf Übertragungen von lauten Geräten oder Instrumenten zurück, wie der Kläpper oder der Rätsch, die sonst an Fasnacht zum Krachmachen eingesetzt werden oder in der katholischen Kirche an Karfreitag gebraucht wurden. Nicht zu vergessen ist auch die Klapp, die zwar nicht unbedingt Krach macht, aber auf und zu geht und einen Redeschwall herauslässt. Ein Wort, das nur noch  in seiner Übertragung bekannt ist, ist die Lafääte. Hin und wieder kann man hören I schlag dr glii uff d Lafääte. Dass es sich hierbei um ein Gestell für ein Geschütz handelt, eine Lafette, ist dabei längst vergessen.

© www.scheer-nahor.de - Friedel Scheer-Nahor