Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Herdepfel oder Grumbiire - schmecken tun sie beide - Die Kartoffel

Über die Frage, warum die Kartoffel in weiten Gebieten des südlichen Badens Herdepfel heißt, ist schon viel gerätselt worden. Eine Klärung wird jedoch nicht definitiv möglich sein. Auffallend ist aber, dass eine lautliche Nähe zu "Erdäpfel" besteht und die Kartoffel wahrscheinlich in den Herdepfel-Gebieten erst einmal unter diesem Namen eingeführt wurde. Da "Erde" aber in der Mundart nicht sehr heimisch ist, weil die Ackerkrume eher durch die Wörter Grund oder Boden bezeichnet wird, ist es denkbar, dass sich die Sprechergemeinschaft eine für sie sinnigere Verbindung gesucht hat, nämlich die zum Herd, auf dem die Knolle gekocht werden muss, wenn man sie essen will. Jedenfalls sind solche Formen mit vorgeschaltetem H schon sehr früh, vor allem in der Schweiz auszumachen. Aber es gibt, wie an der Karte zu sehen ist, auch ein keinesfalls unbedeutendes Gebiet, in dem die Kartoffel immer noch schlicht Erdepfel genannt wird.

Kartoffel in Südbaden

Doch ist die Kartoffel wirklich mit einem Apfel zu vergleichen? Rechtfertigt die längliche Form nicht eher den Vergleich mit einer Birne, im Dialekt Biire? Dieser Meinung waren wohl die Nordbadener, allen voran die Obrigkeit, die den Anbau der Kartoffel, gerade auch zur Bekämpfung der Hungersnöte, angeordnet und sie wohl auch unter diesem Namen eingeführt hat. Das erklärt dann auch, dass mitten im Herdepfel/Herdöpfel-Gebiet eine Insel liegt, wo die Knolle Grumbiire heißt: das Markgräflerland, das im 18. Jahrhundert, als die Kartoffel sich hierzulande durchsetzte, zur Markgrafschaft Baden-Durlach gehörte. Weil aber nicht nur der Anbau von Kartoffeln von oben diktiert wurde, sondern zu dieser Zeit auch die Religionszugehörigkeit, kommt es, dass in evangelischen Gebieten vorrangig Grumbiire gegessen werden, während die Katholiken sich eher über allerlei Gerichte aus Herdepfel freuen. (Ausnahmen bestätigen die Regel!)

Dass man das Wort Grund in Grumbiire oder Grumbeere, wie die Kartoffel unter anderem auch heißen  kann, nicht mehr genau hört, ist nicht ungewöhnlich. Es gibt auch noch einige andere Fälle, wo ein -nd- in zusammengesetzten Wörtern verschliffen wird, so bei Hampfele, eigentlich 'Handvoll' oder Hamber bzw. Hamberli, eine Bezeichnung für Landstreicher, der eigentlich das Wort 'Handwerker' in der Bedeutung 'umherreisender Handwerksbursche' zugrundeliegt.

Eine dritte Frucht wird in einem Gebiet um Achern herum zum Vergleich herangezogen, die Nuss. Dass die Kartoffel dort Erdnuss heißt, mag für Nichteinheimische schon ein wenig befremdlich sein, zumal das Wort ja aus der Standardsprache bekannt ist und dort eine ganz andere Frucht bezeichnet. Es zeigt jedoch eindringlich, dass es in der Sprache im Prinzip kein richtig oder falsch gibt, sondern richtig ist, was sich in einer Sprechergemeinschaft durchgesetzt hat und was dort jeder versteht. Allerdings gilt dies nur solange bis sich etwas Neues durchsetzt und das Alte ablöst. Wielange sich also die Erdnuss um Achern gegen die standardsprachliche Bedeutung behaupten kann, ist fraglich. Da haben es die Herdepfel und Grumbiire schon leichter, weil sie auf diesem Gebiet aus dem Hochdeutschen keine Konkurrenz befürchten müssen.

Doch, wie gedeiht die Kartoffel am besten? Anscheinend als Herdepfel. Denn große Bedeutung hat der  Kartoffelanbau in einigen Gemeinden im Herdepfel-Gebiet, was daran abzulesen ist, dass gleich die Bewohner der ganzen Gemeinde so genannt und geneckt werden, wie z. B. die Forchheimer bei Emmendingen, bekannt unter dem Namen Forchemer Herdepfel.

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