Das Alemannische ist keinesfalls eine in sich homogene Sprache. Die Unterschiede sind schon im südwestdeutschen Gebiet groß, in einer Region, zu der der gesamte Schwarzwald gehört, dazu im Westen das Hanauerland, die Ortenau, der Breisgau und das Markgräflerland, im Süden Dinkelberg, Hotzenwald und Klettgau, sowie im Osten die Baar, das Hegau und am Bodensee Höri, Bodanrück und Linzgau.

In mehreren Dialektserien, die ich für die Badische Zeitung und die Badische Bauern Zeitung geschrieben habe, bin ich auf diese Unterschiede im Wortschatz, z. T. auch in der Wortverwendung eingegangen. Daneben habe ich, wo es ging, versucht, Licht ins etymologische Dunkel zu bringen und Zusammenhänge herzustellen.

Lesen Sie selbst, wie interessant die Sprache unserer Region ist. 

Seicher oder Schisser: Der Löwenzahn hat's schwer - Der Löwenzahn

Es gibt einige Pflanzen, deren Namen nur wenigen Dialektsprechern geläufig sind und dann wieder andere, die jeder benennen kann, oft sogar mit mehreren Namen. Hierzu zählt der Löwenzahn, mit dessen gelben Blüten im Frühling ganze Wiesen übersät sind. Nicht nur seine Namenvielfalt ist erstaunlich kleinräumig, auch die Aspekte, die namensgebend waren, suchen in der Wortgeographie ihresgleichen. Besonders die harntreibende Wirkung des jungen Löwenzahns, der gern als Salat gegessen wird, war bei der Namensgebung produktiv und schlägt sich in Bezeichnungen wie Bettseicher, Seicher, Seichblueme und, etwas weniger derb, Brunzblueme oder Brunzerli nieder, die besonders häufig in Mittelbaden anzutreffen sind. In zwei kleinen Gebieten im mittleren und nördlichen Schwarzwald kommt es gar noch dicker, denn dort wird diese unschuldige Pflanze Bettschissergenannt. 

Löwenzahn in Südbaden
Anderswo wird die Staude gerne mit den Tieren in Verbindung gebracht, die sie mit Vorliebe fressen. Vor allem zwei Vierbeiner scheinen hier in Frage zu kommen, das Pferd und das Schwein. Selbstverständlich heißt der Löwenzahn dann mundartlichRoßblume, was besonders für die Gegend um Freiburg und den daran anschließend Schwarzwald gilt, und im südlichen Markgräflerland und dem Hotzenwald Saublueme, Saustude (Saustaude), Saustock oder Saudätsch, bezugnehmend auf den rosettenartigen, wie flachgedrückt erscheinenden Blätterkranz. Auch die Morestude, bzw. die Morewurzle gehört in die Kategorie der durch Tiernamen motivierten Bezeichnung, denn eine Mor ist eine Muttersau, die als säugendes Tier ja ein besonderes Anrecht auf diese nahrhafte Pflanze hat.

Wer schon einmal Löwenzahnblüten gepflückt hat, weiß, dass die Stiele dabei eine weiße, milchartige Flüssigkeit absondern. Diese Eigenart hat besonders auf der Höri und in der badischen Bodenseegegend Eindruck gemacht, denn dort sind Namen wie Milcher oder Melcher, Milch-, Milchet- oder Milchlingstock anzutreffen. Westlich von diesem Gebiet dagegen wird eher die besonders von Kindern bevorzugte Seite der Pflanze geschätzt: Die hohlen Stiele eignen sich hervorragend dazu, Ketten herzustellen, die zwar nicht besonders stabil, dafür aber leicht und schnell zu fertigen sind. Wir haben es daher dort (weil in einem Gebiet, wo k im Anlaut zu ch verschoben wird) mit dem Chettemestock, bzw. der Chettemeblueme oder der Chettenestude zu tun. Die gleichen Gesichtspunkte haben wohl auch südlich von Karlsruhe und in einem kleinen Gebiet im Rheinknie eine Rolle gespielt, wo man die Schlangenblume und ähnliche Varianten findet.

Die verschiedenen Bezeichnungen, die im alemannischen Sprachraum existieren, lassen sich hier gar nicht alle aufzählen. Erwähnt werden soll nur noch der Sonnenwirbel, der auf der Baar und an der Donau zu finden ist, eine Bezeichnung, deren Herkunft leicht zu durchschauen sind. Das kann man nun von dem Bissangeli, wie die jungen Löwenzahnpflanzen in Breisach und anderen Orten entlang des Rheins genannt werden, überhaupt nicht sagen. Ganz treuherzig mutet uns dieser Name an, dabei ist es nur die französische Form von Bettseicher, eine Verballhornung von "pisse en lit".

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